Ein „Realitäts-Check“ überprüft die Frage: „Träume ich oder bin ich wach?“ Wer meint, diesen machen zu müssen, ist sich nicht sicher, ob er in der Wirklichkeit angekommen ist. Diarmuid Martin, Erzbischof von Dublin und Primas von Irland, meint, dass ein solcher Realitäts-Check für seine Kirche notwendig ist: „Wir … brauchen einen Realitäts-Check und dürfen nicht weiter die Realität verleugnen.“
Was ist passiert?
Irland – ein römisch-katholisch geprägtes Land – entscheidet sich mit einer Zweidrittel-Mehrheit für die Einführung der „Homo-Ehe“. Für die römisch-katholische Kirche ist dieses Ergebnis ein Schock. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin wertet es als „Niederlage für die Menschheit“, widerspricht sie doch der klaren Positionierung Roms.
So erklärte 1986 die Kongregation für die Glaubenslehre in einem Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen vom 1. Oktober 1986, dass „einzig und allein in der Ehe … der Gebrauch der Geschlechtskraft moralisch gut“ sei. Nun könnte man angesichts dieses Satzes folgern, dass die „Homo-Ehe“ unter dieser Prämisse der einzig gangbare Weg sei, homosexuellen Handlungen moralisch gut zu heißen. Dass dies nicht gemeint ist, zeigt der unmittelbare Kontext. Denn die Kongregation erklärt weiter: „Sich einen Partner gleichen Geschlechts für das sexuelle Tun auswählen, heißt die reiche Symbolik verungültigen, die Bedeutung, um nicht von den Zielen zu sprechen, des Plans des Schöpfers bezüglich der Geschlechtlichkeit des Menschen. Homosexuelles Tun führt ja nicht zu einer komplementären Vereinigung, die in der Lage wäre, das Leben weiterzugehen und widerspricht darum dem Ruf nach einem Leben solcher Selbsthingabe.“ Eine „Person, die sich homosexuell verhält“, handelt deshalb „unmoralisch.“
Angesichts dieser klaren Position, die der Homosexualität also bescheinigt, dem Plan Gottes selbst im Weg zu stehen, ist mehr als deutlich, dass in der römisch-katholischen Kirche ein homosexueller Mensch zwar akzeptiert werden kann, nicht aber das „homosexuelle Tun“. Mit dieser Differenzierung kommt die Kirche ihre Fürsorgepflicht nach, da sie das Glück ihrer Gläubigen sucht und diese – auch die Homosexuellen – dazu anleitet. Denn wenn die Homosexuellen „sich […] auf homosexuelles Tun einlassen, bestärken sie in sich selbst eine ungeordnete sexuelle Neigung, die von Selbstgefälligkeit geprägt ist.“ Deshalb „verhindert homosexuelles Tun die eigene Erfüllung und das eigene Glück, weil es der schöpferischen Weisheit Gottes entgegensteht.“
Betrachtet man die theologischen Argumente, die zu dieser Position führen, erkennt man eine Vermischung von naturrechtlicher (Weitergabe des Lebens), offenbarungstheologischer (Plan Gottes) und ekklesiologischer (Symbolik: Christus und die Kirche) Linie. Was soll angesichts einer solchen Phalanx ein „Realitäts-Check“?
Dahinter steht das fundamentaltheologische Problem der Erkenntnisquellen für die Glaubenswahrheiten und deren Identifizierung mit sittlichen Normen. Umgesetzt auf die Forderung des „Realitäts-Checks“: Hat die Realität einen Wert für die Erkenntnis von Glaubenssätzen?
Nimmt man Papst Franziskus ernst, so kann man dies vorsichtig bejahen: „Die Wirklichkeit steht über der Idee.“ – heißt es in Evangelii gaudium (EG 231). Unterstützt wird diese Ansicht bereits durch die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des 2. Vatikanischen Konzils, wenn es dort heißt, dass jede Wirklichkeit „ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit“ (GS 36) besitzt, die es zu würdigen gilt.
Dagegen stehen jedoch aktuelle Äußerungen der Glaubenskongregation, wonach die Lebenswirklichkeit an sich keine Offenbarungsquelle sein kann. Auch der von Franziskus beschworene „Glaubenssinn der Gläubigen“ sei nicht zu verwechseln mit „Umfrageergebnissen … oder einem Plebiszit“, so Gerhard Ludwig Kardinal Müller, der derzeitige Präfekt der Glaubenskongregation. Wie kann er aber konkret erfasst werden? Gerade wenn die Realität scheinbar nicht gewürdigt werden soll?
So bricht zum wiederholten Mal am Beispiel der Homosexualität ein grundsätzlicher Konflikt auf: Woher bezieht die Kirche ihre Gewissheiten? Und weiter: Wie kommen diese Gewissheiten zum konkreten Tun?

Links zum Thema:
The Guardian
Der Spiegel
Radio Vatican