Die Zahl der Katholiken und Protestanten in Deutschland ist 2015 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als eine halbe Million auf rund 46 Millionen gesunken. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Freiburg äußerte sich der Theologe und Religionssoziologe Michael Ebertz am Wochenende zu den Ursachen und zu möglichen Strategien für die Kirchen.

KNA: Herr Professor Ebertz, wie bewerten Sie die neuen Zahlen zu den Austritten aus der katholischen Kirche?
Ebertz: Zwar gibt es einen deutlichen Rückgang der Austrittszahlen gegenüber dem Vorjahr. Aber darin lässt sich keine Trendwende sehen. Wenn man sich die langjährige Zahlenreihe anschaut, sind mehr als 181.000 Austritte ein überdurchschnittlicher Wert. Die Zahl der Kirchenaustritte stabilisiert sich auf hohem Niveau.

KNA: Auch der Gottesdienstbesuch geht weiter zurück…
Ebertz: Fast durchgängig bröckelt der Gottesdienstbesuch um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr ab. 90 Prozent der deutschen Katholiken sparen sich die Sonntagsmesse und sehen darin – anders als der Katechismus – keine „schwere Sünde“. Und aus anderen Untersuchungen wissen wir, dass der Gottesdienstbesuch bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gegen Null tendiert. Die katholische Kirche hat ein massives Nachwuchsproblem. Und das ist europaweit so, sogar in Polen, Irland oder Italien zeigen sich Erosionen.

KNA: Da kann man also nur schwarzsehen?
Ebertz: Nein, das ist ja kein Schicksal, signalisiert aber einen Wandel im Kirchenverhältnis: Weg von der normativen oder fremdbestimmten zu einer selbstbestimmten und resonanten Kirchenbindung. Wenn man sich die Statistiken anschaut, werden nicht alle kirchlichen Riten und Glaubensvollzüge abgelehnt. Ausgerechnet die Messe, die vom Klerus als Höhepunkt und Quell kirchlichen Lebens gedeutet wird, verliert dramatisch an Boden. Dagegen finden Riten der Lebenswende wie Erstkom-munion, Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen nach wie vor Zustimmung, auch Weihnachtsgottesdienste. Auch wenn es darum geht, Katastrophen wie Terroranschläge oder den German-Wings-Flugzeugabsturz zu verarbeiten, sind die Kirchen gefragt. Es gibt keine andere Institution, die in solchen Situationen als so resonant erlebt wird, also einen solchen Widerhall gibt.

KNA: Wie erklären Sie sich den Unterschied?
Ebertz: Es gibt eine regelrechte Schere zwischen den kirchlichen Riten, die allein das Transzendente im Blick haben, und denjenigen kirchlichen Vollzügen, die relevante Bezüge des Lebens mit Transzendenz verbinden. Die Kirche muss also einen Lebensbezug herstellen, eine resonante Verbindung zwischen dem, was den Menschen im Leben wichtig ist, und dem Göttlichen. Die Eucharistiefeiern sind einseitig transzendenz- und kirchenbezogen, zu weit weg vom Leben der Menschen. Im Vergleich zu den anderen Riten fehlt ihnen der Doppelbezug.

KNA: Was müsste die Kirche also tun, damit die Messen wieder mehr besucht werden?
Ebertz: Ich glaube, die Sonntagsmesse hatte früher neben ihrem Transzendenzbezug mehr Lebensbezug. Da waren die Kirchgänge zugleich sozialer Treffpunkt und sie sakralisierten die lokale Gemeinschaft. Man sah sich, tauschte Neuigkeiten aus, bestätigte sich in seinen sozialen Zugehörigkeiten. Heute leben die Menschen in so unterschiedlichen sozialen Bezügen und haben ständig Kontakt über Vereine und soziale Medien, so dass die Gottesdienste diese lokale Funktion verloren haben. Aber trotzdem könnten die Gottesdienste weiterhin Bezüge zum Leben herstellen: Wenn etwa Familien eines toten Angehörigen gedenken, wenn Vereine zum Schützenfest einen Gottesdienst gestalten, der Pfarrer eine Predigtreihe zu einem lebensnahen Thema ankündigt oder die Messe musikalisch so gestaltet wird, dass sie profane Identitäten berührt. Die Menschen wollen ihr relevantes profanes Leben gesegnet wissen, in göttlicher Resonanz erleben, dann wird für sie Kirche interessant.
Das Interview führte Christoph Arens (KNA, Montag, 18. Juli 2016)