Justin Welby, Erzbischof von Canterbury

Justin Welby, Erzbischof von Canterbury

Der Erzbischof von Canterbury hat überraschend die Oberhäupter der anglikanischen
Weltkirche zu einem Treffen eingeladen: Dabei soll es um die Zukunft der weltweiten Anglikanischen
Gemeinschaft, die rund 80 Millionen Mitglieder hat, gehen. Die Leitenden Geistlichen der 38 anglikanischen Kirchenprovinzen sollten bei dem für Januar 2016 anberaumten Treffen in Canterbury zentrale Fragen erörtern, einschließlich einer Überprüfung der Strukturen der Gemeinschaft, schlägt Erzbischof Justin Welby, Ehrenoberhaupt der Anglikanischen Weltgemeinschaft, vor. Zuletzt gab es ein derartiges Treffen 2011 in Dublin.
Hintergrund für diesen Vorstoß, der breit in britischen und US-Medien registriert wird, sind offensichtlich die Spannungen unter den Anglikanern, unter anderem bei den Themen Sexualität und Frauen im Bischofsamt. Während in Großbritannien und Nordamerika die anglikanischen Kirchen eher liberal ausgerichtet sind, Frauen zu Bischöfinnen weihen und gleichgeschlechtliche Paare segnen, wird dies von konservativ-traditionalistisch ausgerichteten Kirchen im Süden abgelehnt. Die Kirche von England weihte nach langem Streit erstmals im Januar eine Frau zur Bischöfin. In den USA, Kanada, Australien und Neuseeland gibt es schon länger anglikanische Bischöfinnen.
Der Riss in der Gemeinschaft wurde bereits deutlich, als die anglikanische Kirche in Kanada 2002 die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zuließ und in der Schwesterkirche in den USA mit Gene Robinson ein Jahr später ein anglikanischer Bischof geweiht wurde, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Auf der anderen Seite lehnen anglikanische Kirchen in Entwicklungsländern, speziell in Afrika, bis heute die Frauenordination ab. Und es gibt führende anglikanische Kirchenvertreter in Uganda, Nigeria und Kenia, die für die Strafbarkeit von Homosexualität eintreten. Der Lambeth-Konferenz aller anglikanischen Bischöfe, die alle zehn Jahre stattfindet, waren 2008 die traditionalistischen Bischöfe ferngeblieben. »Die Unterschiede zwischen unseren Gesellschaften und Kulturen, ebenso wie die Geschwindigkeit des kulturellen Wandels, verführt dazu, uns als Christen zu spalten«, schreibt Welby in seiner Stellungnahme. Im 21. Jahrhundert brauche die anglikanische Konfessionsfamilie Raum für tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten und sogar für wechselseitige Kritik, »solange wir gemeinsam an die Offenbarung von Jesus Christus glauben«.
»Wir haben keinen anglikanischen Papst«, argumentiert der Erzbischof von Canterbury. In der anglikanischen Kirche sei Autorität verteilt und letztlich begründet in der ordnungsgemäßen Auslegung der Heiligen Schrift. Er schlägt den Kirchenoberhäuptern deshalb vor, nach dem Austausch über die jüngsten Entwicklungen aufs Neue über die Arbeitsweise der Anglikanischen Gemeinschaft nachzudenken. Welby hatte nach seinem Amtsantritt im Jahr 2013 alle anglikanischen Kirchenprovinzen besucht. Welches Strukturmodell er künftig für die Gemeinschaft favorisiert, lässt Welby offen. In Kirchenkreisen wird von einem lockeren Verbindungsmodell gesprochen. Dabei wären alle anglikanischen Kirchenprovinzen noch mit der Mutterkirche in England verbunden, aber sie hätten keine Beziehungen mehr untereinander, und damit sei auch keine Übereinstimmung der Lehre mehr nötig. Auf die Frage, ob dies einer Scheidung vergleichbar sei, hieß es im Lambeth-Palace, dem Sitz des Erzbischofs von Canterbury: »Es ähnelt mehr dem Schlafen in getrennten Schlafzimmern.« Mit dem Ringen um ihre Haltung zur Sexualität stehen die Anglikaner nicht allein. Auch vor der vatikanischen Bischofssynode über die Familie im Oktober werden Differenzen zwischen Reformern und Konservativen Kräften sichtbar. Aber nur die katholische Kirche versuche, auf diese Fragen trotz gewaltiger Unterschiede der Kulturen und Lebensverhältnisse eine gemeinsame Antwort zu geben, sagte Kardinal Reinhard Marx in einem Interview. Er fügte hinzu: »Die anderen christlichen Gemeinschaften versuchen es gar nicht. Denken Sie an die Anglikaner oder den Lutherischen Weltbund.«

Rainer Clos (epd)