Studienreise nach Großbritannien

Impressionen von der Studienreise des Evangelischen Bundes Hannover nach Yorkshire im März 2018

 

1. Mirfield – Kloster der Community of the Resurrection, theologische Ausbildungsstätte und geistliches Zentrum

Ein kleiner Mönch findet uns. Er ist neu. Seine Profess war vor einer Woche. Nun zeigt Bruder Marc uns seine Kirche. Das ist gar nicht so einfach, denn wegen der Passionszeit ist alles verhüllt. Er schwärmt uns von den Kunstwerken vor, die wir nicht sehen können. Glauben ist gefragt. 

Die Kirche ist hell und licht. Die Renovierung ist gerade erst abgeschlossen. Von der viktorianischen Schwere ist nichts mehr geblieben.

Diese Kirche ist ein Lebensraum: Ein anderer Bruder kommt herein, geht zum Sarkophag des Gründers, legt seine Hand darauf, spricht ein Gebet und geht wieder. 

Der Altar ist unverhüllt. Er ist mit Auferstehungsbildern geschmückt. Nach hinten ist er offen: das leere Grab. Nur – es ist nicht leer: es steht eine Urne drin: „Wir haben Bruder NN dort abgestellt. Wir fanden das ist ein guter Ort für ihn. Eigentlich sollte letzte Woche seine Beerdigung sein, aber wegen des Schneefalls mussten wir sie verschieben.“

Wir werden in die heiligen Hallen der Klausur zum Kaffee eingeladen. Wir fragen unserem Mönch Löcher in den Bauch: über seinen Weg nach Mirfield, über die Gemeinschaft und die Pfarrerausbildung, die hier geschieht. – Dann gehen wir zurück in die Kirche zum Mittagsgebet. Wir sitzen im Kreis um den Altar. Auch Bruder NN ist natürlich dabei, beim Gebet, bei der Eucharistie – so wie zu Lebzeiten.

 

Danach sind wir Ehrengäste beim Mittagessen im Refektorium – trotz Fastenzeit ein kulinarischer Höhepunkt! Ich sitze neben Prior Oswin. Nach dem Mittagessen arrangiert er ein Gespräch mit Bruder Thomas. Es entspannt sich eine muntere Unterhaltung. Bruder Thomas ist für den Garten verantwortlich. Seine Hände sind zerstochen von den Rosen und Brombeeren. Früher war er in der Meissenkommission und kennt sich in ökumenischen Fragen gut aus… So gibt er uns seine Einschätzungen, wie es weitergehen könnte im lutherisch-anglikanischen Gespräch.

2. York Minster – Evensong

Eine erste kurze Stadtführung durch York, dann gehen wir in das Minster zu einem der Höhepunkte gottesdienstlichen Lebens der Kirche von England: Choral Evensong.

Beim ersten Mal Evensong ist alles noch fremd. Einer aus unserer Gruppe wird vom Küster rüde ermahnt, als er die Kamera zückt. Dann aber setzt der uralte Ritus ein. Aus dem Seitenschiff klingt das Gebet des Chores. 

Nach einem langen und anstrengendem Tag kommen wir zu Ruhe. 

Chor und Geistliche ziehen ein und nehmen ihre Plätze im Chorgestühl ein. Wir hören Psalmen, biblische Lesungen, Chorkonzert. Und gleichzeitig: Gottesdienst. 

Singen im Stehen, Beten im Knien. Magnificat und Nunc Dimittis, Glaubensbekenntnis. Vaterunser… – Ist das ein reformatorischer Gottesdienst? So ganz ohne Gemeindebeteiligung? Meine innere Beteiligung und Sammlung ist hoch. Das Chorgestühl rechts und links hilft zu fokussieren. 

Die Zahl der Gottesdienstbesucher in den englischen Kathedralen steigt seit Jahren. Ist es die Verlässlichkeit der Form? Oder die gleichbleibend hohe Qualität der Musik? Oder liegt es daran, dass nicht nach aktiver Beteiligung gefragt wird?

3. Pastorin in der Stadt 

… und wieder Essen. Wir stehen vor einem schicken Haus; georgianisch, vierstöckig, rot. Die Pfarrerin hat selbst gekocht. Aber zuerst nehmen wir einen Aperitif im Drawing Room im ersten Stock ein. Die Wände schmücken alte und neue Kunstwerke. Als weitere Gäste sind zwei Kirchenvorsteher aus zwei der Innenstadtkirchen geladen. Einer wohnt nur zwei Häuser von unserer Unterkunft entfernt. Hier ist alles nah und man kennt sich. Vor allem in christlichen Kreisen. 

Beim Essen (im Esszimmer wieder im Erdgeschoss) erzählt Jane, die Pfarrerin, von sich, ihren Gemeinden, den Problemen, alle zusammenzuhalten, und der Konkurrenzsituation mit dem Minster. Wie schafft sie das alles? Sie hat mehrere hundert Ehrenamtliche in den Gemeinden – mehr als das Minster (dafür haben die auch mehr Hauptamtliche). Sie erzählt viel und gerne. Es ist faszinierend, ihr zuzuhören. Wir können uns nicht des Eindrucks erwehren, dass wir einer zukünftigen Bischöfin gegenüber sitzen. 

Sie hat eine Bitte: sich möchte einen deutschen Austauschpfarrer /-vikar in York haben. Er soll Versöhnungsarbeit leisten. Es gibt noch zu viel Hass und Fremdenfeindlichkeit, auch Deutschenhass – ein Reflex auf zwei Weltkriege. Und Brexit hat das alles wieder hochgespült. Da gibt es noch viel Arbeit! 

 

Freitag, 23. März 2018

4. Matins – Holy Communion – Der Precentor in York Minster: Über die Liturgie der Kirche von England und die Mission des Minsters

Wir treffen Peter zuerst beim Morgengebet – Matins. Wie der Evensong kommt es aus der Tradition der Klöster und wurde in der Reformation an den Gebrauch in den Gemeindekirchen angepasst. Heute findet man es als öffentliches Gebet vor allem in den Kathedralen. Aber eigentlich sind alle anglikanischen Geistlichen angehalten, sich an die Gebetszeiten zu halten.

Matins wird in der Zouche Chapel gefeiert, einer ehemaligen Sakristei, die von südlichen Seitenschiff des Chores abgeht. Im Vergleich zum restlichen Minster ist sie sehr schlicht. Das Gebet wird gesprochen. Es sind vielleicht ein Dutzend Menschen zusammengekommen, eine eingespielte Gemeinde. Wir stören dabei ein wenig. 

Der Fluss der Psalmen, der Rhythmus der Gebete, die viel zu langen Lesungen eines ganzen Kapitels Bibeltext tauchen mich in einen Strom des Glaubens ein, der hier in den archaischen Gottesdienstformen sichtbar wird und sie lassen mich einen Teil des ewigen Gotteslobes werden.

Der Küster kommt. Er holt den Zelebranten ab mit seine ausgestrecken Stab.

Er kommt wieder. Ein neuer Priester folgt ihm und feiert das Heilige Abendmahl mit uns. Schlicht, ohne Schnörkel, ganz aus dem Buch. Grundnahrungsmittel.

Nach dem Gottesdienst hat Peter noch einen anderen Termin. Wir dürfen das aufgehende Licht aus der Höhe in den bunten Fenstern des großen Ostfensters begrüßen. Es ist erst in diesen Tagen wieder in der ganzen Schönheit zu bestaunen nach mehr als einem Jahrzehnt der Renovierung. 

Eine Weile dürfen wir die Atmosphäre des noch nicht zum Leben erwachten Minsters genießen, dann holt uns Peter zu unserem Gespräch ab. Wir reden vor allem über die Aufgabe des Minsters, aber auch über die Liturgie der anglikanischen Kirche im Allgemeinen. Bevor Peter Precentor wurde, arbeitete er in London mit an der Erstellung und Einführung von „Common Worship“, der gegenwärtig gültigen Agende.

5. Acts 435 – Diakonie mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts.

Aus dem engen und funktionalen Büro im „Church House“ hinter den Minster, begeben wir uns für unser nächstes Gespräch in den Palast des Erzbischofs. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Bishopthorpe Palace ist seit dem 13. Jahrhundert Residenz der Erzbischöfe von York und wurde seitdem öfters mal erweitert und umgebaut. Der Park und der repräsentative Palastbau passen so gar nicht zum Thema unseres Besuches. Wir sind zu Gast bei Jennifer Herrera, die das Projekt „acts 435“ leitet. Jennifer erzählt uns von den sozialen Problemen und der Armut im Land, die an den großen Touristenorten wie York nicht unbedingt sofort erkennbar sind.
Der Name Acts 435 bezieht sich auf Apostelgeschichte 4,35: „Man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ Genauso funktioniert das Projekt. Über das Internet werden Bedürftige und Spender aus ganz Großbritannien zusammengebracht. (https://acts435.org.uk)
Es geht dabei immer um Hilfen für konkrete Personen und überschaubare Dinge (z. B. einen neuen Kühlschrank, eine Schuluniform für die Kinder, Verwaltungsgebühren usw.). Die Beantragung geschieht durch geschulte Freiwillige in Kirchengemeinden im ganzen Land. Die maximale Förderung beträgt 120 Pfund (ca 130 Euro). Als Spender kann ich mir genau aussuchen, für wen und für was ich spende. Spender und Empfänger bleiben aber immer anonym.
Wir sind beeindruckt davon, wie einfach und wirkungsvoll das Projekt ist. Mit einem sehr geringen Aufwand an Personal- und Verwaltungskosten erzielt es eine hohe Wirkung: 100% der Spenden kommen bei den Bedürftigen an. Alle Kosten des Projektes (Personal, Verwaltung, Internet) können durch die Rückerstattung der auf die Spenden gezahlten Einkommenssteuer gedeckt werden. (In Großbritannien kommt  diese den Wohltätigkeitsorganisationen zugute.)

Am Ende unseres Besuches werden wir wieder zu Touristen: Jennifer führt uns durch die Repräsentationsräume des Palastes bis in die elegante Kapelle aus der Mitte des 13. Jahrhundert.

6. Parish Lunch in St Edward the Confessor: eine normale Gemeinde

Zum Mittagessen kehren wir in der Gemeinde St Edward the Confessor ein. Dort kann man jeden Freitag zu Mittag essen. Ehrenamtliche kochen für die Gemeinde. Das Projekt begann als Fundraisinginitiative für den Bau des neuen Gemeindehauses. Nun geht es im neuen Anbau munter weiter, weil es so überzeugend einfach und effektiv ist: Das Mittagessen bringt Menschen zusammen, die sonst nie aufeinander treffen würden. Die meisten, die kommen, sind keine Kirchenmitglieder. Es kommen z. B.  Berufstätige, die in der Nähe arbeiten. Das Mittagessen erfüllt auch eine wichtige soziale Funktion für viele – sonst einsame – ältere Menschen. Wir sehen behinderte Menschen, die mit Ihren Betreuern kommen. Und wir sind mittendrin: deutsche Lutheraner, die beim Lunch mit anglikanischen Rentnerinnen an einem Tisch sitzen und etwas über das Gemeindeleben von St Edward’s erfahren.
Die Kirche wird so sichtbar ihrem Anspruch gerecht, ein Mittelpunkt der Gemeinde zu sein – für alle Menschen, die in ihrem Einzugsbereich leben.

 

7. USPG – Mission im 21. Jahrhundert 

Nach dem Essen berichtete Helen, ein Gemeindeglied von St. Edward the Confessor, von Ihrer Arbeit für USPG (United Society Partners in the Gospel).USPG ist eine der großen traditionellen Missionsgesellschaften. Heute arbeitet sie mit Kirchen der anglikanischen Kirchengemeinschaft um die Frohe Botschaft dort zu leben, wo die Not am größten ist. Auf diese Weise können Gemeinde in Großbritannien eine tiefere Beziehung mit der Weltkirche erfahren. Helen lebte ein Jahr als Volontär in Simbabwe und arbeitete dort in einem Kinderheim (Tariro House). Seither reiste sie einige Male zu kürzeren Aufenthalten in verschiedene Länder des südlichen Afrikas.

8. Noch einmal Evensong …

Noch einmal Evensong. Die großartige Architektur des Minsters und die Ruhe der Liturgie bringt wieder ganz andere Menschen zusammen und versammelt sie vor Gott.

Diesmal wissen wir, wie wir uns benehmen sollen. Keine Photos! Wir sinken in das Eichenholz des Chorgestühls. Über uns wachen die geschnitzten Engel. Das Licht strahlt durch das Ostfenster und der Chor trägt uns hinauf in den Himmel: „This is the House of God; * this is the Gate of Heaven“.

 

 

Samstag, 24. März 2018

9. Englische Reformationsgeschichte I – Die Zerstörung der Klöster unter Heinrich VIII: Fountains Abbey 

Nach so vielen Gesprächen war am Samstag ein Wechsel der Arbeitsform angesagt. Wir fahren in die Yorkshire Dales, um dort Fountains Abbey zu besichtigen – eine der berühmtesten, besterhaltenen und romantischten mittelalterlichen Klosterruinen Englands (Weltkulturerbe). Fountains wurde 1132 als zisterziensisches Reformkloster von 13 benediktinischen Mönchen aus York gegründet. Es wurde schnell zu einer der größten,  erfolgreichsten und einflussreichsten Zisterzienserklöster in England. Ganz unzisterziensisch ließ einer der letzten Äbte noch einen riesigen Turm anbauen (1526), der allerdings kaum aus dem engen Tal herausragt…. – 1539 erfolgte dann unter Heinrich dem Achten wie bei allen die Klöstern die Aufhebung, Die Mönche wurden vertrieben, Kirche und Kloster ausgeplündert und schließlich durch das Entfernen der Dächer und Fenster (Blei!) zerstört. Zurück blieb eine Ruine, die in späteren Jahrhunderten als besonderes Feature am Ende des Gartens eines größeren Herrenhauses genutzt wurde.

Die Gärten – mit der Ruine – sind noch da. Das Herrenhaus ist schon lange wieder verschwunden. 

Der Besuch lässt uns die Größe und Macht der mittelalterlichen Kirche bestaunen (trotz Armutsgelübde) – und gleichzeitig vor dem zerstörerischen und gewalttätigen Potential der reformatorischen Ideen erschrecken. 

10. Betende Kirche – Lenten Prayer mit Bischof Nick Baines – Skipton

Nach diesem Ausflug in die Vergangenheit haben wir noch ein Treffen mit Bischof Baines in Skipton vor uns. Skipton ist ein kleines Marktstädtchen in den Yorkshire Dales. Die Pfarrkirche liegt unterhalb der eindrucksvollen Burganlage. Dort bekamen wir nur noch das Ende der Andacht von Nick Baines mit… Seit 10 Uhr hatte er stündlich mit den Anwesenden eine Andacht mit Gedanken zur Fastenzeit gehalten und und mit ihnen gebetet. Eine Trauung bedeutet das vorzeitige Ende dieses Meditationszyklus. Diese Trauung durfte der Bischof auch noch vornehmen, assistiert von der Gemeindepfarrerin. Wir waren von ihr freundlich eingeladen und erlebten eine völlig unenglische Trauung: keine Hüte, keine Brautjungfern, kein Best Man. Das Brautpaar, offenbar schon älter und länger liiert, tanzte getrennt in den Seitenschiffen nach vorne, um dort vereint vor den Bischof zu treten. Die Lieder waren schön gewählt, die Orgel lieferte sich ein kleines Duell mit der Musik vom Band.

Nach der Trauung hatte Nick Baines Zeit für uns. Wir hatten ein wenig ein schlechtes Gewissen, dass wir ihn nach so einem langen Tag nun auch noch in Anspruch nehmen wollten, aber er suchte zielstrebig ein Café gegenüber der Kirche auf, ließ bestellen und legte los – zunächst mit einer Entschuldigung für den Brexit. – Das Thema Brexit blieb bei uns für den Rest des Gespräches, in dem er von seiner „Arbeit“ im Oberhaus erzählte – und dabei auch gleich das Verhältnis von Staat und Kirche, Stellung und Stellenwert der anglikanischen Kirche in der Gesellschaft illustrierte. Das Relikt der Sitze im Oberhauses für Kirchenfürsten und Repräsentanten anderer religiöser Gruppen ist durchaus anachronistisch: „You shouldn’t be here“, sagte ein Mitglied des Oberhauses einmal zu ihm, woraufhin er trocken und schlagfertig antwortete: „And neither should you.“ – Denn der Anachronismus erstreckt sich auf alle Mitglieder, die entweder Reste der alten Aristokratie sind oder von den Parteien (oft verdiente Großspender oder ausgediente Altpolitiker) dorthin entsandt sind – aber nicht in irgendeiner Form demokratisch legitimiert wären.

Nick Baines spricht perfekt deutsch. Es ist ein großes Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten.

„You know, I used to be a spy.“ raunt er und spielt dabei auf sein Leben vor der Kirche an, als er in GCHQ arbeitete. Die anglikanische Kirche scheint so viel reicher an Persönlichkeiten zu sein – vielleicht liegt es daran, dass viele Geistliche noch ein anderes Leben geführt haben, bevor sie in den Dienst der Kirche getreten sind. Das hätten wir gerne vertieft, aber unsere Zeit ist um. 

 

Sonntag, 25. März 2018

11. Englische Reformationsgeschichte II – Katholische Märtyrer: St Margaret Clitherow

Auf dem Weg zur Palmsonntagsprozession ein kleiner Abstecher zur Brücke über den Fluss Ouse. Im Mittelalter war dies die einzige Brücke und auf ihr befanden sich nicht nur eine Kapelle, die dem Heiligen Wilhelm (von York) geweiht war, sonder auch das Gefängnis. Vor diesem wurde am 25 März 1586 – also vor genau 432 Jahren (es war damals ein Karfreitag) Margaret Clitherow unter ihrer eigenen Haustür zu Tode gepresst. Ihr Verbrechen: sie war katholisch und hatte Priester beherbergt. Wir gedachten ihrer und aller anderen Opfer von religiöser Verfolgung und Intoleranz mit einer kurzen Andacht. (Man hätte in York auch auf den Spuren von Mary Ward wandeln können, die dort mit dem Bar Convent das Mutterhaus der „englischen Fräulein“ begründet hat.)

12. Zwei Esel – Palmsonntag in York Minster und St Olave

St Helens Square in der Altstadt von York ist ein besonderer Ort. Durch das Mansion House – der offiziellen Residenz des Bürgermeisters – ist es so etwas wie der symbolische Mittelpunkt des bürgerlichen Lebens. Dies ist darum der Ort, an dem die Palmsonntagsprozession beginnt. 

Es gibt aber auch noch eine verborgene spirituelle Bedeutungsebene: Unter dem Pflaster verbirgt sich das römische Stadttor und so zieht die Prozession ganz auf den Spuren Jesu in die römische Stadt ein und folgt dann dem Verlauf der via praetoria zum Minster, das sich über dem einstigen Prätorium erhebt. (Wo vermutlich auch Konstantin der Große zum Kaiser erhoben wurde – aber das ist eine andere Geschichte). Ein Hauch von via dolorosa! 

Während wir warten, kommen immer mehr Menschen in wallenden Gewändern. Zunächst waren da nur die Küster aus dem Minster, verteilten Palmkreuze und Gottesdienstprogramme. Dann kam der Minsterchor in weißen Gewändern. Dann die verschiedenen Geistlichen, die wir zum Teil in den vergangenen Tagen kennengelernt hatten. Die beiden Esel (zwei! vgl. Mt 21,7) waren schon vorher gekommen und verrichteten ihr Geschäft, als der Chor anfing zu singen. Aus der anderen Richtung kam die Prozession von St. Olave – rot gewandet. Jane erkannte uns gleich und unternahm einen Versuch, uns in Ihren Gottesdienst zu locken.

Vor dem Mansion House vereinigten sich beide Chöre und es begann die Liturgie. Eine fast endlosen Prozession der Chöre und Kleriker (und Esel) zieht nach der Eingangsliturgie durch die enge von mittelalterlichen Häusern gesäumte Straße auf das Minster zu. Vor dem Minster trennen sich die Gruppen. Während die einen in die Kathedrale ziehen, gehen die Rotgewandeten weiter durch den Park zur St Olave’s Kirche.

Der Gottesdienst dort ist nicht anders als im Minster mit eindrucksvollem Chorgesang und der Lesung der Passionsgeschichte. Er ist liturgisch und familiär. Letzteres hat er dem Minster voraus. 

Was im Minster in professioneller Perfektion erledigt wird, erleben wir hier als Feier eines Familiengottesdienstes mit allen Generationen: der Form nach folgt der Gottesdienst ganz der Tradition, mit wenig Zugeständnissen an die Moderne, gefeiert mit großer Wärme und Nähe.

Hier wird die Passionsgeschichte mit verteilten Rollen durch Gemeindeglieder gelesen.  

Und als die Sunday-School abgekündigt wird, huschen auch ein paar der Kinder und Jugendlichen, die im Chor mitgesungen haben, aus dem Chorgestühl nach hinten zum Kindergottesdienst. 

Im Anschluss natürlich Kaffee und Tee in der Kirche. Der Sonnenschein lädt zum Lustwandeln auf dem Kirchhof ein mit eindrucksvollem Blick auf die Ruinen der Abtei St. Mary (auch ein Opfer der Reformation). – Die Kollegen, die im Gottesdienst im Minster waren, warten schon auf uns trotz des umfangreicheren musikalischen Programm im Minster. 

13. „Wann werden Sie denn deportiert?“ – Zu Gast in der deutschen Gemeinde in Leeds 

Der Besuch bei der deutschen Gemeinde in Leeds beginnt mit der Parkplatzsuche. Vor der Kirche ist alles vollgeparkt. Die Gemeinde lebt weit zerstreut, kommt von weit her. Gegenüber sind diverse indisch-pakistanische Schnellimbisse und Take Aways. Dort darf man nur kurz parken. Die Parallelstraße sieht so wenig vertrauenserweckend aus, dass ich dort mein Auto nicht lassen möchte. Schließlich ein Parkplatz an einer befahrenen Durchgangsstraße, wo man sonntags parken darf. 

Die deutsche Pastorin zeigt stolz das Bonhoeffer Zimmer (er hat hier einmal gepredigt) – „Das ist unsers. Denn das restliche Haus ist an eine Kunstinitiative vermietet“. Vor dem Gottesdienst eine erste Gesprächsrunde mit Gemeindegliedern. Natürlich geht es um Brexit. Jede und jeder hat seine eigenen Brexit-Erfahrungen mitzuteilen: „Und dann fragte mich doch die Kundin am Tag nach dem Referendum, wann ich denn deportiert würde…“ – Es herrscht große Unsicherheit, weil keiner weiß, was Brexit letztendlich bedeuten wird und was für Konsequenzen das für die Deutschen haben wird, die zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten in England leben. 

Der Gottesdienst ist erfrischend deutsch. Am Ende der Reise – nach so vielen geistlichen Erlebnissen auf Englisch – ist es erholsam, auch mal wieder auf Deutsch beten, singen und hören zu können. 

Nach dem Gottesdienst geht das Gespräch weiter. Diesmal mit Kaffee und Kuchen und dunklem, deutschen Brot, das ein Gemeindeglied mitgebracht hat. Das ist als erstes alle! 

Die Zeit ist viel zu kurz – die Fähre ruft und wir müssen diesen freundlichen Ort viel zu früh wieder verlassen. 

 

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Christa Walz

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