Papst Franziskus und Moderator Bernardini

Papst Franziskus und Moderator Bernardini

Im Verlauf seiner Reise nach Turin besuchte Papst Franziskus nicht nur die in ihrer Historizität nach wie vor umstrittene Reliquie des Grabtuches Christi. Am 22. Juni war er auf Einladung der Waldenser Gast in deren Turiner Kirche. Erstmals hat ein römischer Papst eine Gemeinde dieser auf eine Armutsbewegung des Mittelalters zurückgehende Kirche besucht, deren Mitglieder über viele Jahrhunderte hindurch von der römisch-katholischen Kirche systematisch und blutig als Häretiker verfolgt wurden und bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet werden sollten. Franziskus setzte damit einen deutlichen ökumenischen Akzent, der auch im Blick auf das Jahr 2017  (500 Jahre Reformation) eine große Bedeutung haben dürfte. Denn hier wurde durch Papst Franziskus ein spürbares Zeichen für die Heilung von traumatischen und bis heute virulenten Erinnerungen gesetzt. Er sprach zu den Schwestern und Brüdern der „Kirche“ der Waldenser, die sonst wie alle evangelischen Kirchen offiziell nur als „kirchliche Gemeinschaften“ bezeichnet werden. Er sagte wörtlich: „Für die katholische Kirche bitte ich euch um Vergebung für all jene unchristlichen, ja unmenschlichen Handlungen und Einstellungen, die wir in der Geschichte gegen euch gerichtet haben. Im Namen Christi, vergebt uns!“

Eugenio Bernardini,  Moderator (Vorsitzender) der Kirchenleitung (Tavola) der Minderheitskirche der Waldenser (ca. 20 000 Mitglieder in Italien und ca. 7000 in Südamerika) bat den Papst auch ausdrücklich im Blick auf 2017 ihr Kirchenverständnis zu überdenken und nicht mehr von den evangelischen als „halben Kirchen“ zu sprechen. Die Überreste der Waldenser schlossen sich 1532 der reformierten Kirche an und übernahmen 1560 die „Confessio gallicana“, das Glaubensbekenntnis der französisch-reformierten Kirche. Nachdem die in einigen hochgelegenen Alpentälern überlebenden Waldenser 1685/86 Opfer von Verfolgungen des französischen Königs Ludwig XIV. und der Herzöge von Savoyen wurde, wanderten viele von ihnen nach Hessen, Württemberg, Baden und Oberfranken aus, wo sie sich als Flüchtlinge nach und nach in die dortigen evangelischen Kirchen integrierten.
Auch wenn zwei Päpste vor Franziskus schon ab 1983 die lutherische Kirche in Rom besucht haben und eine Delegation der römischen Kirchenprovinz 1997 in der Waldenserkirche in Rom um Vergebung für die blutige Verfolgung durch Rom gebeten hat, so hat hier der von italienischen Einwanderern nach Südamerika abstammende Papst Franziskus einen noch deutlicheren Akzent gesetzt, der evangelisch und ökumenisch nur zu begrüßen ist.

Dr. Walter Fleischmann-Bisten, Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim

Literaturhinweis:
Albert de Lange: Die religionspolitische Bedeutung der Ansiedler der Waldenser in Deutschland 1699 damals und heute, in: Bensheimer Hefte 95, Göttingen 2000, S. 140-188.
Hans-Martin Barth: Die Wahrheit wird ihren Weg machen – die Waldenser als ökumenisches Modell, in: Evangelische Orientierung 2/1994, S.6-7.