Freikirchen und Kirchenjahr – das ist immer ein äußerst variantenreiches Thema. Das zeigt sich auch, wenn man sich in diesen Adventswochen auf freikirchlichen Netzseiten umsieht. Die Spannbreite reicht von Seiten, die mit typischen Symbolen der Advents- bzw. Weihnachtszeit geschmückt sind und Texte oder auch vollständige Gottesdienste zu den Themen dieser Kirchenjahreszeit(en) bieten, bis hin zu solchen, wo man so etwas gar nicht antrifft. Die folgende Auswahl illustriert das:

Auf der Startseite des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (BEFG) musste man in den ersten beiden Adventswochen schon genau hinsehen – jahreszeitliche Symbolik fand sich hier noch nicht. Unter „Aktuelle Themen“ wurden aber schon zu diesem Zeitpunkt die Stichworte „Weihnachten 2020“, „Weihnachtskollekte“ und „Weihnachtsspende“ (für die Mission) mit unterlegtem Link angeboten; klickt man darauf, öffnen sich mit kirchenjahreszeitlich üblichen Bildern aufgemachte informative Seiten zum jeweiligen Stichwort, z.B.: „Weihnachten 2020 (…) Aufgrund von Hygienekonzept und Abstandsregeln kann die Advents- und Weihnachtszeit in den Gemeinden in diesem Jahr nicht in gewohnter Weise gestaltet werden. Beispiele und Ideen, was man stattdessen machen könnte, werden hier gesammelt. Gemeinden sind eingeladen, ihre Vorhaben für die Weihnachtszeit in der Kommentarspalte mit anderen zu teilen.“ Außerdem wird dort auf die überkonfessionelle Aktion „24x Weihnachten neu erleben“ aufmerksam gemacht.

icf.church präsentiert sich wie immer – mit Ausnahme des Banners zu „Kirche geht online!“ wegen der Corona-Pandemie. Klickt man auf einige der „Locations“ ist das Bild vielfältig: Wenig verwundert, dass man auf ICF Tel Aviv nichts Adventliches findet. Aber auch nicht bei ICF Bydgoszcz, ICF Ticino und den niederländischen ICFs. Wohl aber z.B. bei ICF Hamburg, Essen, Ludwigsburg, Salzburg. ICF Basel wirbt für Teilnahme an einer Videoproduktion „Weihnachten bei Dir“, die am 19.12.2020 aufgenommen werden soll und ab Heiligabend online sein wird. Die Mutterkirche ICF Zürich bietet einen besonderen Adventskalender: Das Gründerehepaar Bigger präsentiert jeden Tag eine Video-Adventsbotschaft, aufgenommen auf 170 Kilometern des Jakobsweges. Dies soll den, so Leo Bigger: „170 km von Nazareth nach Bethlehem“ entsprechen. (Die Wirklichkeit vor Ort ist etwas anders: 175 km führe man heute, wenn man die Autostraße durchs Jordantal nähme. Schon die Autoroute, die heutzutage westlich um die Westbank herumführt, würde nur 158 km ergeben, noch deutlich weniger ein antiker Fußweg durch Samaria.) ICF Frankfurt am Main bot am 3. Advent um 11 und um 13 Uhr eine „Celebration“ mit Jana Highholder an. Am 4. Advent handelt es sich bereits um „Special Christmas Celebrations“ um 11 Uhr („Family“), 14 Uhr („English“) und 17 Uhr („Young“). Am 24.12. gibt es um 16 Uhr eine „Candle Light Celebration“. Die gewählte Symbolik ist für alle diese Tage ein Himmel bzw. Weltall mit Sternen, eine angedeutete Girlande sowie Schrift, alles in Gold auf Dunkelblau – dieselbe Aufmachung, die von der o.g. Aktion „24x Weihnachten neu erleben“ benutzt wird, zu der u.a. der Leiter von ICF Deutschland einlädt.

Anders schmückt der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) seinen Newsletter Dezember 2020. Dessen Aufmacherbild ist ein traditioneller Adventskranz, wenn auch in moderner Gestaltung. Und ebenso fällt der Text aus: „… vielleicht ist es ganz gut, in diesen Tagen des Advents einmal innehalten ‚zu müssen‘. Statt wie in den vergangenen Jahren etliche Termine für Adventsfeiern oder den Besuch des Weihnachtsmarktes irgendwo im Kalender unterzubringen, werden unsere Zeit und unsere Möglichkeiten von außen her eingeschränkt. Vieles wird abgesagt bzw. fällt aus und wir haben Zeit. Das schenkt Freiraum zum Nachdenken: Warum feiern wir eigentlich Weihnachten in dieser Form (und nicht anders)? Wie wollen wir die Tage vor und rund um Weihnachten gestalten? Was bedeutet mir eigentlich die Adventszeit? Warte ich noch auf die Ankunft unseres Herrn? Was erwarte ich überhaupt von der Zukunft?“

Die Anskar-Kirche Deutschland verzichtet auf ihrer Startseite auf jahreszeitliche Symbolik. Auf den Startseiten der einzelnen sieben Gemeinden ist solche auch eher selten (vgl. aber Anskar Nürnberg). Eindeutig zum Thema (mit Predigt über Maria), wenn auch nur mit wenigen Adventsliedern ist z.B. der Gottesdienst zum 2. Advent auf der Seite von Anskar Wetzlar. Der Gottesdienst zum 1. Advent, der auf der Seite von Anskar Hamburg-Mitte angesehen werden kann, beginnt zwar mit „Macht hoch die Tür“, hat dann aber ganz andere Themen.

Auf Netzseiten der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten finden sich nur selten Hinweise auf Advent bzw. Weihnachten; eine Ausnahme bildet z.B. die Seite der Berlin-Mitteldeutschen Vereinigung. Die dort angebotenen Andachten zu den Sabbaten vor dem 1. bzw. 2. Advent könnten unterschiedlicher nicht sein: Die erste hat nichts mit Advent zu tun; bei der zweiten erklingt zu Beginn und am Ende die Melodie von „Stille Nacht“, und eine Weihnachtspyramide ist sichtbar. Thema der Ansprache ist der Advent als Vorbereitungszeit.

Das Bild ist also so bunt wie sonst auch. Manche Freikirchen nutzen auf ihren Netzseiten die Kirchenjahreszeit, u.a. bieten sie ihren Gemeinden Ideen und Austauschforen, Advent und Weihnachten unter Corona-Bedingungen zu gestalten. Auf den Seiten gerade mancher traditionellen Freikirchen fehlt dagegen der Bezug zur Kirchenjahreszeit. Alle vier Gebietskirchen der Neuapostolischen Kirche haben diesen Bezug, die Evangelisch-methodistische Kirche aber nicht, die Brüdergemeine auch nicht (hier hätte man z.B. den berühmten Herrnhuter Stern erwarten dürfen). Vermutlich hat das mehr mit den unterschiedlichen Aufwänden für die online-Selbstpräsentation als mit pastoraltheologischen Überlegungen zu tun. Umgekehrt ist es zwar so, dass das Kirchenjahr in vielen der sog. neocharismatischen Gemeinden grundsätzlich keine große Rolle spielt (so hört man in solchen Gemeinden z.B. am Sonntag vor Ostern häufig allerlei, nur nichts zum „Palmsonntag“); andererseits können (und vermutlich wollen) sie, die ja gerne „am Puls der Zeit“ sind, sich dem immer noch größten „Familienevent“ nicht komplett entziehen.