Würde jemand z. B. aus Frankreich, wo Kirchen und Staat strikt getrennt sind, auf die deutschen Kirchen schauen, so würde er feststellen, dass die beiden großen Kirchen nach wie vor Bündnispartner beim Engagement für eine offene Gesellschaft und unverzichtbare Träger vieler tausend sozialer Einrichtungen, Kindergärten, Altersheime, Krankenhäuser, Beratungseinrichtungen sind. Aber er würde auch feststellen, dass sie an gesellschaftlicher Kraft verlieren. Ein Indikator dafür sind die Austrittszahlen:  2019 gehörten in Deutschland insgesamt noch rund 45,75 Millionen einer der beiden großen Kirchen an, das sind noch etwa 52 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: 1991, bald nach dem Mauerfall, gehörten im größer gewordenen Deutschland fast 71 Prozent einer Kirche an. Und vor 40 Jahren, 1980, waren es in der alten Bundesrepublik sogar 85,7 Prozent. Heute sinkt der Anteil ständig, die letzten beiden Jahre hat sich dieser Trend wieder verstärkt. Und man muss kein Unglücksprophet sein, wenn man feststellt, dass in den nächsten Jahren rechnerisch der Punkt erreicht werden könnte, an dem nicht einmal jeder zweite Deutsche noch einer Kirche angehört. Dabei sind gerade die Zahlen derer, die die katholische Kirche verlassen, gestiegen.

Dass die katholische Kirche Mitglieder verliert, ist aber nicht nur ein deutsches Problem. In Europa sinkt in Italien die Zahl der Steuerzahler, die bei ihren Abgaben die katholische Kirche begünstigen. In Polen, der Heimat von Papst Johannes Paul II., läuft derzeit eine Kampagne für den Austritt aus der Kirche, bei der man die Zahl von Unterzeichnern im Internet verfolgen kann. Andere Länder stehen nur deshalb gut da, weil sie den formalen Austritt nicht kennen und die Distanzierung still erfolgt.

Die Situation der Kirchen ist momentan in unserem kulturellen Kontext also alles andere als rosig. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx beschrieb in seinem nicht angenommenen Rücktrittsgesuch an den Papst die aktuelle Situation seiner katholische Kirche drastisch mit den Worten: „Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen ‚toten Punkt`“. Eine drastische und schonungslose Formulierung, die heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Zustimmung bei den einen: „Endlich jemand, der in aller Deutlichkeit sagt: Es kann und darf kein »Weiter so« geben.“ Widerspruch bei den anderen: „So kann man das auch nicht sagen. Es gibt doch auch viel Positives und Lebendiges in der Kirche“. In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, dass die katholische Kirche momentan in Selbstreferentialität erstarrt ist. In der deutschen Reformdebatte scheinen sich ohne Aussicht auf Kompromiss zwei Lager gegenüberzustehen. In den USA diskutierten katholische Bischöfe darüber, katholische Politiker wegen ihrer Haltung zur Abtreibung vom Kommunionempfang auszuschließen, ein Ansinnen, welches nur auf massiven Druck des Vatikans verhindert werden konnte. Bei all diesen Kontroversen  geht es darum, Prinzipien zu verteidigen, Kompromisse zu kompromittieren. Denen, die die katholische Kirche verändern wollen, fehlt die Geduld, auch kleine Schritte als Fortschritte zu akzeptieren. Und denen, die ihre Kirche bewahren wollen, fehlt die Einsicht, dass Bewahrung Veränderung voraussetzt.

Seit Monaten dreht sich die mediale Berichterstattung zur Kirche nur um Bischöfe und wie diese mit der Missbrauchskrise „umgehen“.  Dabei wird „Kirche“ mit ihrer Führung und deren Krise identifiziert und die Gemeinschaft der Gläubigen wird oft in eine fatale Mithaftung genommen, für ein Versagen an anderer Stelle. Der „tote Punkt“ erscheint aber oft auch nur als die bequeme Selbstparalyse einer durchorganisierten Kirche aus hauptamtlich abgesicherten Bischöfen, Funktionären und anderen Hauptamtlichen und einer von der Basis bisweilen entfernten Medienblase. Da ist zum einen die Wagenburgmentalität eines Kardinal Woelki. In Woelkis Kölner Erzdiözese, einst das „Rom des Nordens“ genannt, rumort es seit  Monaten –  mit Auswirkungen auf das Bild der gesamten Kirche in Deutschland. Auch die Veröffentlichung des sogenannten Gercke-Reports, den Woelki in Auftrag gab, weil das ursprünglich von der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) angefertigte Gutachten nicht rechtssicher sei, konnte die angespannte Lage nicht zur Ruhe bringen. Auch wenn das Gercke-Gutachten Woelki keine Pflichtverletzung nachweist, werfen ihm seine Kritiker moralisches Versagen vor.  Die Austrittszahlen in Köln gehen in die Höhe, Rechtswissenschaftler kritisieren das Gercke-Gutachten, es gibt Berichte, vor allem in der „Bild-Zeitung“, Woelki habe 2017 einen Geistlichen zum stellvertretenden Stadtdechanten von Düsseldorf ernannt, obwohl er von früheren Vorwürfen sexueller Übergriffe durch den Priester gewusst habe. Das Erzbistum weist die Vorwürfe zurück. 14 von 15 Stadt- und Kreisdechanten hatten sich zudem in einer Mail an den Erzbischof gewandt. Grund des Schreibens sei „eine große Sorge“ der wichtigen Stadt- und Kreisdechanten um das Erzbistum und der Vorsitzende des Diözesanrates, Tim Kurzbach, sprach von einem „toten Punkt“ in der Zusammenarbeit mit Woelki. Längst scheint es nicht mehr nur um die Frage zu gehen, ob der Kölner Kardinal, Hamburgs Erzbischof Stefan Heße und die Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff beim Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs Fehler gemacht haben. Vielmehr werden die Gräben zwischen Woelki und den Katholiken der Erzdiözese immer tiefer. Anfang Juni ordnete der Papst eine Apostolische Visitation an und bestimmte die Bischöfe von Stockholm, Kardinal Anders Arborelius und Rotterdam, Bischof Hans van den Hende als Visitatoren. Diese hielten sich gut eine Woche in Köln auf, führten Gespräche und sichteten Akten. Mittlerweile sind sie wieder abgereist, ihre Aufgabe ist die Erstellung eines Berichts an den Papst, dessen Entscheidung man nun erwartet.

Das Thema „Machtmissbrauch/sexualisierte Gewalt“, welches die Krise in Köln und der deutschen Kirche hervorgerufen hat, ist nicht nur ein deutsches Thema. Es erschütterte und erschüttert die ganze katholische Kirche und mittlerweile ist deutlich, dass es in allen Ländern und kulturellen Kontexten Machtmissbrauch in Form von geistlichem Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt oder anderen Formen gibt. In den letzten Jahren standen neben Deutschland besonders die Kirchen in den USA, Irland und Chile, wo eine ganze Bischofskonferenz ihren Rücktritt erklärte im Focus. Aktuell liegt ein Focus auf Polen, wo von Juli 2018 bis Ende 2020 368 Anzeigen wegen Missbrauchs von Heranwachsenden gegen Polens katholische Kirche gestellt wurden. Seit März 2021 verhängte der Vatikan Disziplinarstrafen gegen fünf polnische Bischöfe wegen Versäumnissen im Umgang mit Missbrauchsfällen. Im Auftrag des Vatikans war im Juni 2021 der italienische Kardinal Angelo Bagnasco im Land, um die gegen den ehemaligen Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz erhobenen Vorwürfe der Vertuschung zu untersuchen. Dziwisz galt für viele Polen bislang als unantastbar, denn er war Privatsekretär des heiliggesprochenen Papstes Johannes Paul II. (1978-2005) und anschließend bis 2016 Erzbischof von Krakau. Bagnascos Bericht wird nun erstellt und dem Vatikan zur Entscheidung vorgelegt. Die Missbrauchsskandale haben das Vertrauen der Polen in die Kirche massiv erschüttert. Die staatliche Aufarbeitungskommission für sexuellen Kindesmissbrauch erhöht jetzt den Druck auf die Kirche weiter. Sie verlangt die Herausgabe von Akten – wozu die Bischöfe bislang nicht bereit sind.

Seit 2010 bestimmt dieses Thema mit vielen schrecklichen Facetten durch Skandale in kirchlichen Einrichtungen die deutsche Debatte. Die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellte und 2018 veröffentlichte sogenannte MHG Studie machte vor allem systemische Ursachen öffentlich. Um aus dieser schwierigen Situation herauszukommen, wurde von der Bischofskonferenz und dem Zentralkommitee der deutschen Katholiken der sogenannte synodale Weg initiiert. Ein solches Format gab es bisher nie, da hier Bischöfe, Kleriker und Laien gemeinsam und auf Augenhöhe jene Themen diskutieren, die als die  entscheidenden Zukunftsfragen der Kirche angesehen werden und die die MHG-Studie als systemische Faktoren identifiziert hat, die (sexuellen und geistlichen) Missbrauch zumindest begünstigen: Die Fragen nach Machtausübung und Gewaltenteilung, nach gelingenden Beziehungen, nach der priesterlichen Existenz und Lebensform sowie nach Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche. Nach einem ersten Treffen bremste die Corona-Krise den Synodalen Weg ein wenig aus – es kam zu teils heftigen Debatten um Sinn und Ziel des synodalen Weges, um die Legitimität der Themen und darum, ob man in Deutschland gar ein Schisma vorbereite. Als heftige Kritiker haben sich Kölner Bischöfe gezeigt, Weihbischof Dominikus Schwaderlapp verabschiedete sich schon sehr bald aus diesem Prozess, da er die Themen und Positionen als nicht mehr katholisch empfand. Kardinal Woelki, der Erzbischof von Köln, sparte auch nicht mit Kritik und nannte den Synodalen Weg „ein protestantisches Kirchenparlament“. Auch aus dem Vatikan wurde der Synodale Weg kritisch beäugt.

Dabei ist „Synodalität“ ein zentrales Stichwort von Papst Franziskus. Von Anfang an hat der Papst deutlich gemacht, dass ihm an einer Dezentralisierung der zentralistisch organisierten katholischen Kirche liegt. Nicht zuletzt in seiner Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode im Jahr 2015, während der zweiten Familiensynode, hatte er von der „Notwendigkeit und Schönheit des ,gemeinsamen Vorangehens‘“ gesprochen. Es müsse, so der Papst damals, einerseits um die Aufwertung der Bischofssynode, aber auch anderer Zwischeninstanzen der Kollegialität gehen, andererseits auch um ein stärkeres Hören auf den Glaubenssinn des Gottesvolkes. Der Papst hatte damals viele Hoffnungen geweckt: sowohl mit Blick auf die Beteiligung an Entscheidungen als auch auf Erwartungen, dass die Ortskirchen auf manche Herausforderungen flexibler reagieren können, als das in einer auf Einheitlichkeit getrimmten Weltkirche möglich ist. Viele Hoffnungen wurden allerdings in den vergangenen Jahren enttäuscht. Im Falle der Familiensynode hat es nur zu einer Fußnote im nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“ gereicht, was die Anerkennung von wiederverheirateten Geschiedenen betrifft. Auch zur offiziellen Ankündigung der Möglichkeit einer Weihe von viri probati zum Priester im Zuge der Amazonien-Synode ist es, obwohl die Synodenväter mit knapper Mehrheit dafür gestimmt hatten, nicht gekommen. Überhaupt überrascht der Papst immer wieder mit widersprüchlichen Wortmeldungen oder Symbolhandlungen. Einerseits prangert er den Klerikalismus an, spricht sich für situative Pastoral aus, lässt aber auch zu – wie in diesem Jahr im März – dass seine Kurie Dokumente wie das Responsum zur Homosexualität veröffentlicht, welche seiner sonstigen Verkündigung widersprechen.

Nun darf man gespannt sein, was aus der Ankündigung von Kardinal Grech, dem Generalsekretär der Bischofssynode wird, dass sich nun drei Jahre lang die gesamte Kirche mit dem Thema „Synodalität“ beschäftigen soll. Denn die nächste Bischofssynode mit dem Titel „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Partizipation und Mission“ soll bereits in diesem Herbst mit synodalen Prozessen in allen Diözesen weltweit starten. Am 9./10. Oktober dieses Jahres wird die Synode bereits in Rom eröffnet, während die Bischöfe am Sonntag darauf die „Synode“ in ihren Diözesen eröffnen sollen. Bereits im Vorfeld soll es ein „vorbereitendes Dokument“ aus dem Synodensekretariat geben. Auf der Grundlage der Zusammenfassungen der Ergebnisse der diözesanen Konsultationen durch die Bischofskonferenzen (bis April 2022) wird dann ein „Instrumentum laboris 1“ erstellt – als Arbeitsgrundlage für ein Treffen der „internationalen Zusammenschlüsse der Bischofskonferenzen“. Diese treffen sich dann im März 2023. Auf der Grundlage dieser Diskussionen wird dann ein „Instrumentum laboris 2“ für die eigentliche XVI. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode erstellt, die im Oktober 2023 stattfinden soll.  Wie die synodalen Prozesse in den deutschen Diözesen konkret laufen werden, ist derzeit noch weitgehend unklar, da nur die Sommerpause zur Vorbereitung bleibt. Es gibt in den mehr als 4000 Diözesen ohnehin weltweit höchst unterschiedliche Voraussetzungen für die Umsetzung dieses Zieles. Interessant wird in diesem Zusammenhang sein, wie die unterschiedlichen synodalen Prozesse, wie es sie derzeit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Australien, Irland oder Italien gibt oder geben soll, einbezogen werden. Denn es wird ja nicht nur um Verfahrensfragen für neue Kommunikationsstile und Entscheidungswege gehen, sondern es ist absehbar, dass zwangsläufig auch inhaltliche Anliegen zur Sprache kommen. Sie werden vielfältig sein und sich keinesfalls auf die Themen der vier Foren des Synodalen Wegs in Deutschland beschränken. In vielen Weltgegenden werden Fragen nach Krieg und Frieden, Gewalt und Versöhnung, Armutsbekämpfung und Gerechtigkeit angesichts des Klimawandels, die Sorge um Religionsfreiheit oder das Verhältnis zu anderen Religionen beziehungsweise christlichen Gruppierungen wie den Pfingstkirchen als in erster Linie drängende Themen empfunden werden.

Aber auch in anderen Ortskirchen, nicht nur in Europa und den beiden Amerikas, werden die inzwischen klassischen Reformanliegen innerhalb der katholischen Kirche dazugehören: Aufgaben und Lebensform der Priester, die Rolle der Laien, die Gleichberechtigung der Frauen und mit Sicherheit auch abermals Fragen der kirchlichen Sexualethik. Letztlich geht es beim Thema Synodalität immer um die Definition von Entscheidungskompetenzen, Partizipation und die Begrenzung von Macht, wodurch die Fragen des Synodalen Wegs zwangsläufig ins Spiel kommen. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner fordert in seinem Blog: Damit der Prozess ein Erfolg werde, sei es neben der thematischen Breite unabdingbar, dass sich Momente kirchlicher Demokratisierung kirchenrechtlich niederschlagen und etwa im Vorfeld der für 2023 angekündigten Weltbischofssynode die Synodenordnung geändert werde.

Der Ausgang des synodalen Prozesses ist offen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Papst Franziskus bewusst eine Entwicklung lostritt, von der er selbst nicht weiß, wohin sie die Kirche führen wird. Ob dies aber die aktuelle Krisensituation beendet, ist fraglich – der Druck im Kessel ist groß. Die katholische Kirche bleibt von Spannungen durchzogen. In Afrika und Asien glaubt man anders als in Europa. In Westeuropa anders als in Osteuropa. Die Einheit der Kirche zu wahren, ohne die Vielheit zu beschneiden, ist eine schwierige Aufgabe, die zentralistisch kaum noch zu lösen ist. Nicht zuletzt deshalb führt kein Weg an Veränderungen vorbei, will man den Grundauftrag, der allen Kirchen gilt, bewahren: die Verkündigung des Evangeliums.

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