Bischöfin Kirsten Fehrs, stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, hielt den Festvortrag zum 75-jährigen Bestehen des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim. © ERNST LOTZ

Vor 75 Jahren wurde das Konfessionskundliche Institut (KI) in Bensheim gegründet. Seither hat sich die wissenschaftliche Einrichtung zu einem bedeutenden Kompetenzzentrum der
Ökumeneforschung in Deutschland entwickelt, dessen Expertise im In und Ausland stark gefragt ist. Die Arbeit des Instituts trägt dazu bei, den anderen in seiner religiösen Haltung besser kennenzulernen und damit das Verständnis zwischen den Konfessionen und Religionen zu verbessern.

„Bensheim ist im deutschen Protestantismus zu einem Markennamen geworden für solide konfessionskundliche Forschung“, schreibt der Marburger Kirchenhistoriker Karl Pinggera anlässlich des Jubiläums. Regelmäßig finden in der Jugendstilvilla an der ErnstLudwigStraße  benannt nach dem ersten Leiter Wolfgang Sucker  Tagungen und Seminare statt. Auch der Studientag am Donnerstag folgte diesem Geist aus gegebenem Anlass.

Den abendlichen Festvortrag hielt Bischöfin Kirsten Fehrs vor knapp 100 Gästen in der Stephanusgemeinde. Sie ist seit November 2021 stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und referierte über das Ökumeneverständnis aus evangelischer Perspektive damals wie heute. „Wir sehen uns einer aufgewühlten ökumenischen Landschaft gegenüber“, so Fehrs, die seit 2011 Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche ist. In Bensheim sprach sie von vielen inneren Kämpfen und zugleich der Sehnsucht nach Neuanfängen und Versöhnung.

Die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Karlsruhe im September dieses Jahres habe die massiven Spannungen zwischen und unter den orthodoxen Kirchen verdeutlicht: Zum einen zwischen beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine, aber auch die gestörten Beziehungen zwischen der bisher zur Russischen Orthodoxen Kirche gehörigen Ukrainischen Orthodoxen Kirche und ihr Kirchenleitung in Moskau. „Eine Gemengelage, die ein Gespräch in Karlsruhe unmöglich gemacht hat.“

Erhebliches Störpotenzial

Bei allen Fortschritten der letzten Jahrzehnte sei in der Ökumene aktuell ein erhebliches Störpotenzial wahrnehmbar. „Würde es das Konfessionskundliche Institut nicht schon geben, man müsste es erfinden“, so die Bischöfin. Mit seiner inneren Zielsetzung „den Nächsten zu kennen wie sich selbst“, gehe es im KI darum, einen Schritt zurückzutreten und „mit unpolemischer Sachlichkeit“ die andere Konfession zu erforschen. Für Fehrs stellt das ein ebenso ehrgeiziges wie beispielgebendes Unterfangen dar, „gerade angesichts der heutigen, sich religiös immer stärker ausdifferenzierenden Situation.“ Der setze sich durch die Migrationswellen der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart  rasant fort.

Auch im konkret evangelischen Ökumeneverständnis bilde die Erkenntnis der Verschiedenheit als konfessioneller Urzustand  eine protestantische Spezialität  die qualitative Grundlage für alles Weitere: nämlich von dieser distanzierten Position aus die Einheit zu finden und das Verbindende zu beschreiben. Eine Aufgabe, die aufgrund einer konstanten inneren Dynamik niemals abgeschlossen oder zu Ende gedacht sein kann, so die Bischöfin weiter.

Die Gemeinsamkeit im Glauben sei deshalb im Zentrum aller Bemühungen, weil die Verschiedenheit so prominent ins Auge springt und die Einheit zunächst auch aus kirchenhistorischer Sicht  bewusst in Frage stellt. Die reformatorische Kirche suche letztlich nach der Einheit, damit die Verschiedenheiten verschieden bleiben können. Auch innerhalb der EKD und ihrer Gründungsgeschichte habe sich die innerprotestantische Ökumene stets darum bemüht, die lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in ihrer Pluralität zusammenzuhalten, so Kirsten Fehrs in Bensheim. Eine Dynamik, in der die Bereitschaft zu Umkehr und permanenter Erneuerung der Kirchen mit zum Ausdruck komme, wie sie betont.

Das evangelische Modell einer einheitlichen Kirchengemeinschaft bestehe daher zuvorderst aus der dialogisch geprägten Suche nach Einheit im Verschiedenen, die eben gerade nicht nach Vereinheitlichung sucht, sondern das Trennende gleichsam in „versöhnter Verschiedenheit“ lebt. Der Unterschied sei nicht gemacht oder passiert, sondern von Gott gewollt, um aus ihm heraus neue Erkenntnisse des eigenen Glaubensverständnisses entdecken zu können.

Um diesen Weg gehen zu können, brauche es vor allem wirkliche Begegnung zwischen den verschiedenen Kirchen. Ein Ansatz, der exakt der Idee des Konfessionskundlichen Instituts
entspreche, so die Bischöfin. Es gehe darum, mit den Augen der anderen neu sehen zu lernen. „Für
 genau diese Lernerfahrung braucht es Orte wie das Konfessionskundliche Institut, das bewusst auf dem Boden reformatorischer Theologie steht, mit Empathie dem Nächsten begegnet und die Perspektive des Gegenübers einnimmt.“ In Bensheim werde so ein vitaler Dialog gepflegt und das Miteinander auf verschiedensten Ebenen gelebt.

Wir danken Thomas Tritsch für den Artikel im Bergsträsser Anzeiger.

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