Seine Ziele setzte der Evangelische Bund vor allem über die Publizistik um. In der Reihe der „Flugschriften des Evangelischen Bundes“ erschienen bis 1914 über 300 Titel. Eine „Deutsch-Evangelische Korrespondenz“ bediente die Presse mit Informationen und Kommentaren. Daneben gab es eine Vielzahl von Vorträgen, Theateraufführungen und andere kulturelle und gesellige Veranstaltungen. Seit der Jahrhundertwende spielte auch die Rechtsberatung bei konfessionellen Konflikten eine wichtige Rolle. Nach der Jahrhundertwende kam es zu einer Politisierung der Verbandstätigkeit, die vor allem den Nationalliberalen und Freikonservativen zugute kam. Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt bildete die Diakonie. Der Evangelische Bund errichtete Diakonissenhäuser, bildete Diakonissen aus, gründete 1901 eine „Schwesternschaft des Evangelischen Bundes“ und unterhielt eine Abteilung Krankenpflege innerhalb seiner Zentralverwaltung. Seit 1898 engagierte sich der Evangelische Bund auch sehr stark in Österreich im Zusammenhang mit der „Los von Rom-Bewegung“.

Das Wilhelminische Deutschland war durch einen vielfach übersteigerten Nationalismus geprägt, der schon bald nach der Reichsgründung in die evangelische Kirche eingezogen war. Gerade unter evangelischen Theologen bekam er eine ausgesprochen nationalprotestantische Färbung. Dieser sogenannte „Pastorennationalismus“, der auch den Evangelischen Bund maßgeblich prägte, sah die Gründung des Deutschen Reiches als Vollendung der Reformation. Er identifizierte deutsch-nationale und protestantische Interessen. Für die Gründer des Evangelischen Bundes wies Gottes bisheriges Handeln Deutschland einen „weltgeschichtlichen Beruf“ zu, der in der Bewahrung und weiteren Ausbreitung der „Güter der Reformation“ bestehe. Luther wurde nicht nur als der Reformator, sondern auch als nationaler Held gefeiert und einige radikale Repräsentanten der nationalprotestantischen Geschichtsideologie betrachteten gar den Protestantismus als die „germanische Form des Christentums“. Leider drängten diese Vorstellungen wichtige zukunftsweisende Ideen, die ebenfalls aus dem Evangelischen Bund heraus entstanden waren, an den Rand. Das gilt z.B. für die Idee eines Evangelischen Weltbundes, die der Vorsitzende des Evangelischen Bundes im Großherzogtum Hessen, Pfarrer Hans Waitz 1909 entwickelt hatte. Ihm schwebte ein internationaler Zusammenschluss von evangelischen Landes- und Freikirchen vor. Die Idee sollte jedoch erst 1923 mit der Gründung des „Protestantischen Weltverbandes“ umgesetzt werden.

Nachdem sich der konfessionelle Gegensatz im Wilhelminischen Deutschland weiter verschärft hatte, kam es mit dem Kriegsausbruch zu einem abrupten Ende der sehr polemisch geführten konfessionellen Auseinandersetzungen. Der Evangelische Bund stellte sich schnell auf die neue Situation ein und suchte in seinen „Volksschriften zum großen Kriege“ sowie den „Heroldsrufen in eiserner Zeit“ den konfessionellen „Burgfrieden“ zu wahren und dabei mitzuhelfen, „das heilige Gefühl vaterländischer Opferwilligkeit zu pflegen, das unser ganzes Volk jetzt durchdringt“, wie das Präsidium im September 1914 mitteilte. Das Ende des Deutschen Kaiserreichs bedeutete für den Evangelischen Bund einen tiefgreifenden Einschnitt.

Dr. phil. Armin Müller-Dreier