Karte zur Jahreslosung: www.editionahoi.de

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Jemand schaut mich an, sieht mich, wendet mir sein Angesicht zu. Und ich merke: Ich bin anerkannt, bin Wert geschätzt. Im Schutzraum dieser Blicke kann ich mich aufrichten. Sie vermitteln Zuwendung, sind reinste Bejahung, schenken Leben.
Blicke können aber auch töten. Jemand sieht auf mich herab, nimmt mir meine Würde – oder überwacht, verfolgt, bespitzelt mich. Ich kann der Tyrannei dieser Blicke kaum entweichen.

Sie ist auf der Flucht, hat kein Ziel vor Augen. Dort, wo sie herkommt, wurde sie gedemütigt, ihrer Würde beraubt. Sie trägt ein Kind in sich, bei deren Zeugung sie kein Mitspracherecht hatte. „Hagar!“ Plötzlich hört sie diese Stimme, die sie beim Namen nennt: „Woher kommst du? Wohin willst du?“ Auf die erste Frage kann sie antworten: „Ich bin von meiner Herrin davongelaufen.“ Auf die zweite Frage weiß sie nichts zu sagen. Denn stumme Aussichtslosigkeit umgibt sie. Da fährt der göttliche Bote fort: „Du wirst einen Sohn gebären und sollst ihn Ismael nennen, das heißt: ‘Gott hat gehört‘. Denn Gott hat dein Elend gesehen.“ Er also sieht sie an, nimmt sie wahr, wendet sich ihr zu. Er hält es bei ihr aus – bei ihr, die aus dem Blick der Anderen völlig verschwunden ist. Und sie gibt Gott daraufhin einen Namen – und was für einen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Keine allgemeine Weisheit ist das, sondern das persönliche Bekenntnis einer Aufatmenden: Gottes Sehen befreit vom Schatten der Vergangenheit, bricht die Zwangslage der Gegenwart auf und öffnet eine Tür, die vorher nicht zu sehen war. Mir fällt dazu das mit „Scham“ überschriebene Gedicht der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral ein, in dessen erster Strophe es heißt: „Wenn du mich siehst, werd‘ ich schön“. Auch Gottes Sehen ist Ausdruck seiner Liebe, die hell und klar in diese Welt hinein strahlt.
Alle sollen es hören: „Gott ist ein Gott, der dich sieht!“ Mit dieser Zuversicht, in dieser festen Gewissheit, gehen wir in das noch unbekannt vor uns liegende Neue Jahr: Gott wird uns und alle Welt durch Höhen und Tiefen hindurch mit seinem liebenden Blick, mit dem Auge seines Erbarmens, begleiten.

CS

Ansprechpartner

Dr. h.c. Christian Schad
Präsident Evangelischer Bund e.V.