Pfarrer i.R. Peter Voß (rechts) hielt den Abschlussvortrag im Rahmen der Auerbacher Winterakademie. Sein Gesprächspartner war der aus Syrien stammende und heute in Bensheim lebende Arzt Sami Dirani. Foto: Zelinger

Die evangelische Kirchengemeinde Auerbach und der Evangelische Bund hatten am Mittwoch zum dritten und letzten Teil der Veranstaltungsreihe Auerbacher Winterakademie eingeladen. Thema in diesem Jahr waren die religiösen Landschaften im Nahen Osten.

Als Motivation nennen die Veranstalter die politisch dauerhaft angespannte Lage sowie fehlende wirtschaftliche Perspektiven in dieser Region. Die Folge ist ein teils massiver Abzug von Christen aus dem Heiligen Land, das als Wiege des Christentums gilt. Nicht zu Unrecht: Jesus hat Aramäisch gesprochen, vor Damaskus wurde Saulus zu Paulus, und die Ninive-Ebene ist die Heimat der ältesten christlichen Gemeinschaften, die von den Jüngern Petrus und Thomas gegründet wurden. Doch dort herrschen Krieg und politische Unruhen. Die Christen in diesen Regionen werden aufgrund ihres Glaubens und aus vielen anderen Gründen bedrängt, verfolgt und benachteiligt.

Schaden für die Gesellschaft

Vor über 50 Zuhörern hat der ehemalige Vorsitzende des Evangelischen Bundes Hessen, Pfarrer i.R. Peter Voß, die Lage in Syrien, Libanon und Jordanien ausführlich beschrieben und eingeordnet. Voß, der bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2015 Pfarrer in Zell und Gronau war, hat die Region – insbesondere Jordanien – mehrfach bereist und dabei auch die Situation der Glaubensgemeinschaften und Konfessionen aus nächster Nähe kennengelernt.

Derzeit finde tatsächlich ein Exodus der Christen aus den Ländern der Bibel statt, der zu ihrem völligen Verschwinden führen könne, sagte Voß in Auerbach, wo er unter anderem auf die historischen und geografischen Aspekte einging und die religiöse Vielfalt vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Dynamik erläuterte. Der schleichende Verlust der gewachsenen religiösen Vielfalt schade letztlich der gesamten Gesellschaft, so Voß, der sich im Verlauf seines Vortrags zunehmend auf die Strukturen in Jordanien konzentrierte. Dort spielten Christen eine wichtige Rolle für die Wirtschaft, seien voll in die Gesellschaft integriert und auch politisch repräsentiert. „Die Lage dort ist relativ gut, aber ebenfalls nicht ganz frei von Spannungen.“

In dem kleinen Königreich, das an Syrien, den Irak und Saudi Arabien grenzt, werde der Schutz und die freie Entfaltung der dort lebenden Christen großgeschrieben. Jordanien sei ohne Zweifel das Land, in dem sich die Christen am wohlsten fühlen, so der Referent im Evangelischen Gemeindezentrum. Die meisten gehören der Orthodoxen und Römisch-Katholischen Kirche an. Sie genießen ein relativ hohes Maß an Religionsfreiheit. Allerdings erleben auch sie oftmals eine Diskriminierung im Berufsleben sowie Einschränkungen beim öffentlichen Ausleben ihres Glaubens.

Im Vergleich zur Lage in anderen Ländern des Nahen Ostens leben die meisten Christen in Jordanien aber ein sicheres und stabiles Leben, so der ehemalige Gemeindepfarrer, der 1988 nach Bensheim kam und nach einer Berufsausbildung zum Landvermesser zunächst Pädagogik studiert hatte, bevor er sich für die Theologie entschlossen hat.

Im Evangelischen Dekanat Bergstraße war Voß Beauftragter für Weltanschauungsfragen und Mitglied im Arbeitskreis für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Außerdem war er Vorsitzender des Landesverbandes Hessen und Nassau im Evangelischen Bund.

Aktuell wird der Anteil der Muslime an der Bevölkerung auf rund 95 Prozent geschätzt. Die Mehrheit sind Sunniten. Christen bilden mit weniger als zwei Prozent eine winzige Minderheit. Jordanien beherbergt zudem eine große Anzahl von Flüchtlingen, vor allem aus dem Irak und Syrien, von denen mehrere tausend ebenfalls christlichen Glaubens sind. In der Mehrheitsbevölkerung haben die Spannungen zwischen gemäßigten und extremistischen islamischen Elementen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Trotz einer stabilen Situation habe die langjährige Benachteiligung von Christen im Alltag die Migration forciert, so Voß, der in Auerbach auch die Lage von Christen im syrischen Raum beleuchtet hat.

Im Gespräch mit Sami Dirani erläuterte der in Bensheim lebende Arzt seine Jugend in Damaskus und die weitere Entwicklung in seinem Heimatland. Als griechisch-orthodoxer Christ habe er eine friedliche Jugend und Studienzeit erlebt, wenngleich nur etwa zehn Prozent der Syrer Christen sind. Wie viele es genau sind, kann nur spekuliert werden. Man sagt, dass rund 500 000 geflohen sind. Andere Schätzungen gehen von weit mehr aus.

80 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, deren Glaubensverständnis aber regional recht unterschiedlich sei. Dirani sprach von einer toleranten und offenen Nachbarschaft der Religionen ohne größere Spannungen und Konflikte. Auch die Kundschaft von seinem Vater, der in Damaskus selbstständig als Schneider gearbeitet hat, seien überwiegend Muslime gewesen.

Viele Jahre lang galt in Syrien das laizistische Staatssystem: Minderheiten, darunter die Christen, wurden fair behandelt. Doch durch den Bürgerkrieg und das Zerfallen der politischen Strukturen hat sich ein innerislamischer Konfessionalismus entwickelt, der die Macht des Islam erhöht hat. Die christliche Kirche in Syrien muss also unter einem diktatorischen Regime als Minderheit in einem Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung zurechtkommen.

Die Angst vor einer islamistischen Herrschaft ist ausgeprägt. Assad gilt für viele als das kleinere Übel. Sami Dirani schätzt das Nebeneinander der Religionen aber auch aus heutiger Sicht eher friedlich und respektvoll ein. Auch Formen von Antisemitismus habe er persönlich in Syrien niemals miterlebt.

Mit dem Mix aus Vortrag und Dialog ging die Reihe ins Finale. Der langjährige Auerbacher Pfarrer Karl Michael Engelbrecht, der vor einem Jahr in den Ruhestand verabschiedet wurde, kündigte für das nächste Jahr eine Fortsetzung an. Den neuen Vorsitz des Arbeitskreises, der die Reihe organisiert, wird Jens Witte übernehmen. Er ist Mitglied des Kirchenvorstands der Evangelischen Stephanusgemeinde im Bensheimer Westen.

Mit freundlicher Unterstützung des Bergsträßer Anzeigers und seinem freien Autor Thomas Tritsch

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