Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) verwirklicht ihre Kirchengemeinschaft unter anderem durch theologische Lehrgespräche. Bei der letzten Vollversammlung der GEKE in Basel (Schweiz) 2018 wurden die ethischen Differenzen als eine der gravierenden Schwierigkeiten in der Gestaltung der Kirchengemeinschaft ausgemacht. Diesen Differenzen, insbesondere in den Bereichen Sexualität und Gender, Ehe und Familie widmet sich eine Studiengruppe, die den Mitgliedskirchen ein umfangreiches Dokument zur Diskussion vorgelegt hat. In Dresden trafen sich am 23.-25. Februar 2023 ca. 40 Vertreter:innen aus zahlreichen evangelischen Kirchen verschiedener Länder Europas zu einer Konsultation, um an diesem Dokument zu arbeiten. Aus dem Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes war Dr. Jonathan Reinert, Referent für Weltökumene, an der Konsultation beteiligt.

Die unterschiedlichen Auffassungen in den genannten Themenbereichen, oft zugespitzt auf die Frage nach der Segnung bzw. Trauung homosexueller Paare und der Möglichkeit der Ordination von in homosexuellen Beziehungen lebenden Menschen, gehören seit Jahren zu den Themen mit dem größten Konflikt- und Spaltpotential in zahlreichen Konfessionen. Dies wurde zuletzt insbesondere in den anglikanischen und methodistischen Kirchen offensichtlich, durchzieht jedoch so ziemlich alle Kirchen und Kirchengemeinschaften.

Auch bei der GEKE-Konsultation in Dresden waren die Spannungen von Anfang an spürbar und wurden in Impulsbeiträgen aus verschiedenen Perspektiven deutlich artikuliert. Was für manche als Kompromiss zwischen unterschiedlichen Lagern galt, war für die einen bereits ein Zeichen des Abfalls von klassischen kirchlichen Positionen und Ausdruck ideologischer Verirrung, für andere dagegen viel zu konservativ und damit diskriminierend gegenüber LGBTQI+-Personen. Mit diesen Spannungen galt es umzugehen, wofür die Arbeit in kleinen Gruppen als ‚Safe Spaces‘ zur offenen Diskussion von entscheidender Bedeutung war. Diskutiert wurde konkret anhand der Kapitel der Textvorlage. Dabei kamen jedoch auch stets grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Glaube, Theologie und anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen, zur Bibelhermeneutik und der Verhältnisbestimmung theologischer Autoritäten zur Sprache. Wenig überraschend, zeigten sich Unterschiede im Umgang mit all diesen Themen zwischen der Mehrheit der Kirchen in Westeuropa einerseits und in Mittel- und Osteuropa andererseits. Gerade angesichts auch der kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Heterogenität in Europa, die sich auch in den Kirchen spiegelt, erweist sich die Bedeutung der GEKE in ihrem Ringen um die Gemeinschaft der Kirchen.

Dass am Ende alle einer Meinung waren oder auch nur in eine Richtung tendierten, kann man gewiss nicht sagen. Umso wichtiger sind solche Gesprächsforen und Diskussionsprozesse, sowohl für die Gestaltung der Kirchengemeinschaft in der GEKE als auch für das Miteinander innerhalb der Kirchen. Es bleibt also mit Spannung zu erwarten, wie die Studiengruppe die verschiedenen Anliegen und Verbesserungsvorschläge aufnimmt – und wie das überarbeitete Dokument, das bei der nächsten Vollversammlung 2024 in Sibiu (Rumänien) vorliegen wird, von den Kirchen aufgenommen wird.

JR/TN

Ansprechpartner

Professor Dr. Jonathan Reinert
Referent für Weltökumene des Konfessionskundlichen Instituts

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