Prof. Eberhard Jüngel, Foto www.idea.de

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, dieser Satz aus einem der großen Choräle der Christenheit hat Eberhard Jüngel immer wieder zitiert. Freilich nur, um diese unbestreitbare Lebenserfahrung bloß als vorletzte Wahrheit gelten zu lassen. Denn das Evangelium mute uns zu, dieser scheinbar endgültigen Wirklichkeit – gerade im Angesicht des Todes – zu widerstehen und Luthers Aufforderung zu folgen: „Kehrs um: mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen. So spricht, so glaubt der Christ.“ Es sei ein Unterschied, so Jüngel, „ob der Mensch im Tode vom Nichts begrenzt wird oder aber von Gott. Und es ist erst recht ein Unterschied, ob der Mensch im Tode vom Nichts begrenzt wird oder von einem gnädigen Gott.“ Wo wir nichts mehr machen können, wo unser Herz aufhört zu schlagen, da erweise sich der, der am Anfang das Leben aus dem Nichts geschaffen hat, noch einmal als Schöpfer-Gott, indem er „mitten aus der Verhältnislosigkeit des Todes neue Verhältnisse, ewige Lebensverhältnisse“, heraufführe. Eben diese kreative Verwandlung nenne das Neue Testament „Auferstehung der Toten“.

Am 28. September 2021 ist Eberhard Jüngel nun selber gestorben. Durch Unfälle und Krankheiten beeinträchtigt, verbrachte er die letzten Monate seines Lebens im Pflegeheim. Was ihm blieb, war die Hoffnung, dass dann, wenn wir „aufhören müssen“, Gott noch einmal neu auf uns zukommt, um „mit uns ewig zusammen zu leben“: im Vertrauen darauf, dass bei diesem letzten Advent das, was wir in unserem Leben als rechtfertigende Gnade erfahren haben, „dann noch einmal überboten sein wird, aber nicht überboten durch ein total anderes Leben, sondern durch ein gesteigertes Leben“. So gäbe es schon hier und jetzt Phänomene, die seien erst recht „in der Ewigkeit steigerungsfähig: Liebe, Loben, Danken, Gemeinschaft“. Wer, so Jüngel, die Bilder vom ewigen Leben derart ernst nehme und in sie einkehre, „dass er dort Heimat findet, der hat auch schon das gefunden, was als ewiges Leben auf uns zukommt“. Möge der, der uns die Kraft der biblischen Metaphern so leuchtend vor Augen gemalt hat, jetzt erfahren, was er gehofft hat: gesteigerte Liebe, gesteigertes Loben und Danken, gesteigerte Gemeinschaft; ewiges Leben, das sich mitten im Tod und durch ihn hindurch ereignet.

Diese Bewegung, die Eberhard Jüngel hier Trost und Hoffnung verliehen hat, zeichnet seine gesamte theologische Existenz aus, nämlich: mit der eigenen Gegenwart in die Worte der Heiligen Schrift förmlich hineinzugehen, so dass „die Wahrheit der Texte die unsrige wird“, wir selbst also in die Situation des immer neu Beschenktwerdens übersetzt, in sie hinein versetzt werden. Dogmatik, mithin „die Verantwortung für die Wahrheit des christlichen Glaubens“, ist für ihn darum stets „konsequente Exegese“. Schon in der Einleitung zu seiner neutestamentlichen Dissertation „Paulus und Jesus“ aus dem Jahr 1961 macht er deutlich, dass er sich die Überwindung der Trennung von Exegese, also der Auslegung der Heiligen Schrift, und Dogmatik zum Ziel gesetzt habe. Dieses Ineinander von gesammelter Konzentration auf die in der Bibel bezeugte Wahrheit einerseits und der Verantwortung für eine zugleich sach- und zeitgemäße Rede von Gott andererseits bestimmt schließlich auch den äußeren Werdegang des großen Gelehrten.

Am 5. Dezember 1934 in Magdeburg geboren, lernt er in der damaligen DDR die evangelische Kirche immer mehr als den Ort kennen, „an dem man Wahrheit, und zwar nicht nur geistliche, sondern auch weltliche, politische Wahrheit, zu hören bekam und an dem man selber in aller Freiheit sagen konnte, was man nach dem Maß seiner Einsicht für wahr hielt. Und als ich dann im Johannesevangelium (Johannes 8, 32) den verheißungsvollen Satz entdeckte: ‚Ihr sollt die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen‘ – da war`s um mich geschehen. Da begann ich zu ahnen, was die Kirche Jesu Christi ist und immer wieder werden muss: ein Ort befreiender Wahrheit.“ Aus dieser Erfahrung zieht Jüngel den Schluss, „dass die politische Relevanz des christlichen Glaubens zuerst und zuletzt in dessen Wahrheitsfähigkeit und Wahrheitsverpflichtung besteht“. Die der Kirche aufgegebene politische Tat habe darum „vor allem das Ziel, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen“. Dass Wahrheit und Freiheit Zwillinge sind, das hat er immer wieder mit zwei prägnanten Sätzen zum Ausdruck gebracht: „Was nicht wahr ist, macht auch nicht frei.“ „Und was nicht frei macht, ist auch nicht wahr.“ Diese evangelische Einsicht ist es, die Jüngel auch zum Theologiestudium motiviert hat: zunächst in Naumburg und dann in Ost-Berlin. Hier findet er dann auch in dem Bultmann-Schüler Ernst Fuchs seinen neutestamentlichen Lehrer. Nach dem Bau der Mauer 1961, gerade erst promoviert, wird Eberhard Jüngel „über Nacht“ Dozent des kirchlichen Lehramts am Sprachenkonvikt im Osten der geteilten Stadt – zunächst im Fach Neues Testament und ab 1963 im Fach Systematische Theologie, das er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 unterrichten wird. Von 1966 bis 1969 lehrt Jüngel mit Genehmigung der DDR-Behörden in Zürich und ab 1969 auf dem Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Tübingen. Darüber hinaus ist er viele Jahre Ephorus am dortigen Evangelischen Stift, Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, fast 30 Jahre Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und seit 1963 zunächst Mitglied und dann Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche der Union, später der Union Evangelischer Kirchen in der EKD. Jüngel bekleidet daneben über Jahre hinweg das Amt des Kanzlers des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste sowie das des Ehrendompredigers am Berliner Dom.

Eberhard Jüngel, bis heute korrespondierendes Mitglied des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen, ist auch ein durch und durch ökumenischer Theologe gewesen. „Um Gottes willen – Klarheit!“, das war seine Mindestbedingung, gerade im ökumenischen Gespräch, an dem er – vor allem im Gegenüber zur römisch-katholischen Kirche – aktiv teilgenommen hat. Jeder Art von „Schummel-Ökumene“ gilt seine Ablehnung. Dies freilich deshalb, weil er die konfessionelle Zerklüftung nicht weniger als für einen Skandal angesehen hat. Entsprechend hat er sich beteiligt an der Diskussion um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen dem Vatikan und dem Lutherischen Weltbund (1999), mit der Folge, dass seine zunächst vorgebrachten Einwände berücksichtigt worden sind und auch die katholische Seite zu einer Präzisierung ihres Standpunkts veranlasst haben. Allerdings hat Jüngel zunehmend Zweifel geäußert an einer „rückwärtsgewandten“, “vorwiegend in der Aufarbeitung von früheren Problemlagen“ bestehenden Ökumene. „Wichtiger ist mir, dass wir nach vorn schauen und fragen: Was können wir jetzt gemeinsam und was können wir gemeinsam tun?“ So hat er sich für die wechselseitige eucharistische Gastbereitschaft von Protestanten und Katholiken eingesetzt, auch, um dadurch auf dem Weg zur vollen Einheit „sakramentale Wegzehrung“ zu empfangen.

Generationen von Studierenden, aber etwa auch von Kirchentagsteilnehmenden, hat Eberhard Jüngel geprägt: in Fortführung der Denktraditionen Karl Barths, Rudolf Bultmanns und Martin Heideggers. Mit seiner unnachahmlichen, zugleich geistreichen und anspruchsvollen Leidenschaft und in einer ansprechenden Sprache, die die Phänomene zu sehen gibt – und der es darum auch gelingt, dass sich eine Entsprechung einstellt zu dem, wovon die Rede ist, hat er uns „Gott als Geheimnis der Welt“ zu denken gegeben: ein Geheimnis, das „umso geheimnisvoller wird, je besser man es versteht“; und das als „öffentliches Geheimnis“, von dem man sich ergreifen lassen soll, nicht verschwiegen werden darf, sondern, im Gegenteil, aller Welt kundgemacht werden will. „Ich glaube, darum rede ich!“ (2. Korinther 4, 13): diese Anspielung des Paulus auf Psalm 116, 10 zeigt, dass der Glaube, der sich dem Hören auf Gottes Wort verdankt (vgl. Römer 10, 17), seinerseits auf Mitteilung aus ist, damit darin Gott zu Wort kommt, die Offenbarung seiner Menschlichkeit in seiner Hinwendung zu einem jeden und einer jeden von uns. Darum präzisiert Jüngel den Satz des Apostels, indem er bekennt: „Ich glaube, darum rede ich von dem Gott, der als Mensch zur Welt gekommen ist und sich in der Person Jesu Christi zu unserem Heil als Gott offenbart hat.“ Das ist sein Credo gewesen. Dieses auf je eigene Weise im eigenen Leben selbst zu verantworten und darin das bedingungslose göttliche Ja zu uns und zu dieser Welt je und je neu nachzubuchstabieren, dazu hat Eberhard Jüngel zeitlebens ermutigt. Dafür gebührt ihm, der jetzt Gottes Ja-Wort ganz unmittelbar vernimmt, von Herzen Dank.

CS

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Dr. h.c. Christian Schad
Präsident Evangelischer Bund e.V.