Nach zweijähriger Pause fand am Freitag bereits zum vierten Mail der Sommerempfang des Konfessionskundlichen Instituts (KI) im Wolfgang-Sucker-Haus in Bensheim statt. In diesem Jahr wurde der Termin erstmals mit dem traditionellen Johannisempfang des Landesverbandes Hessen im Evangelischen Bund kombiniert. Eine Premiere, die eigentlich schon für 2020 vorgesehen war, aufgrund der Pandemie aber verschoben werden musste. Die Forschungs- und Bildungseinrichtung für Ökumene und Konfessionskunde wurde 1947 in Bensheim als Arbeitsstätte des Evangelischen Bundes Deutschland gegründet und ist die größte wissenschaftliche Forschungsstelle seiner Art im evangelischen Bereich. 2007 zog die Einrichtung von der Weststadt wieder in die historische Villa Brunnengräber, die kurz zuvor in Anlehnung an den Institutsgründer in Wolfgang-Sucker-Haus umbenannt wurde.

Der gemeinsame Empfang betone die Zusammengehörigkeit beider Institutionen, sagte die Institutsleiterin Dagmar Heller vor rund 60 Gästen aus Theologie, Kirche, Ökumene und Lokalpolitik: „Es gab Zeiten, in denen man versucht hat, uns auseinander zu dividieren“, so die Theologin, die bereits seit 2018 in Bensheim als Referentin für Orthodoxie tätig ist und 2020 zunächst kommissarisch die Leitung übernommen hatte. In diesem Jahr feiert das Institut sein 75-jähriges Jubiläum.
Nach dem Motto „Den Nächsten kennen wie sich selbst“ gehe es um die Förderung des ökumenischen Dialogs und des ökumenischen Miteinanders der Kirchen. Grundlegend für die Arbeit des KI sei die wissenschaftlich fundierte Urteilsbildung aus evangelischer Perspektive. Ein fruchtbarer Austausch sei nur dann möglich, wenn man sein Gegenüber in dessen Eigenart verstehen könne. Eine gewisse Kenntnis des anderen Standpunkts sei dafür elementar, so Heller.

Nicht gezählt, sondern gewogen

„Wir gehören zusammen“, sagte auch Pfarrer Matthias Ullrich. Der Vorsitzende des Evangelischen Bundes Hessen sprach von einer erfolgreichen Verzahnung beider Partner in den vergangenen Jahren, die man auf diesem Niveau und in dieser Qualität weiterführen möchte. Mit dem ehemaligen pfälzischen Kirchenpräsidenten und aktuellen Präsidenten des Evangelischen Bundes (seit 2021) begrüßte er eine ökumenisch ausgewiesene und profilierte Persönlichkeit, die in Bensheim zum Thema „Öffentliche Religion in der offenen Gesellschaft“ das Verhältnis von Staat und Religion sowie von Kirche und Verfassungsordnung ausgeleuchtet hat.

„Christenmenschen werden nicht gezählt, sondern gewogen“, zitierte Christian Schad einen Vertreter einer evangelischen Diasporakirche. Es komme nicht auf die Anzahl der Mitglieder an, sondern auf deren geistliches Profil und Gewicht, betonte er in seinem Impulsvortrag mit Bezug auf die wachsende Zahl an Kirchenaustritten. Vor einer quantitativen Verkleinerung brauche Kirche aber keine Angst zu haben, sofern sie auch in Zukunft ihren Öffentlichkeitsauftrag ernst nehme und sich als proaktiver wie nachdenklicher Akteur der Zivilgesellschaft versteht. Dies sei allein deshalb nötig, weil der evangelische Glaube schon an sich immer eine gewisse Weltverantwortung miteinschließe.

Politik zunehmend distanziert

Zuvor äußerte sich Schad über die Stellung der Religionsgemeinschaften in der gegenwärtigen Zivilgesellschaft und insbesondere im Verhältnis zur Politik. Diese begegne den Kirchen zunehmend nüchterner und distanzierter. Von einer „Basis der christlichen Prägung unseres Landes“ gingen die neuen Koalitionäre in Berlin im Unterschied zu ihren Vorgängern heute nicht mehr aus. „Die Kirchen werden zwar in ihrem Wirken geschätzt und geachtet, aber dass sie mit ihrer Tradition und ihrer aktuellen Botschaft die Bundesrepublik prägen würden, davon gehen die neu an die Macht gekommenen Eliten nicht mehr aus.“ Dass in diesem Jahr die Gesamtzahl der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder die Fünfzig-Prozent-Marke unterschritten habe, sei weitaus mehr als nur ein symbolisches Datum.

Beispiel Religionsunterricht

Beispielhaft verwies er in Bensheim auf die Stellung des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen. In Niedersachsen werde es vermutlich ab dem Schuljahr 2024/25 nur noch einen gemeinsamen, evangelisch-katholisch verantworteten Christlichen Religionsunterricht geben, der den bisherigen fokussierten evangelischen und katholischen Religionsunterricht ablösen wird und sich zudem als Weiterentwicklung des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts verstehe.

In Hamburg schlägt man bereits ab dem kommenden Schuljahr einen neuen weg ein: dort wird der Religionsunterricht nicht mehr getrennt nach Konfessionen beziehungsweise nach Religionen unterrichtet, sondern ein „Religionsunterricht für alle“ eingeführt. Verantwortet wird er von der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche, der jüdischen und der alevitischen Gemeinde sowie den drei islamischen Religionsgemeinschaften der Hansestadt. Angesichts dieser Entwicklungen stelle sich die Frage, wie der Staat selbst sein Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften definiert und was das für die Kirchen bedeutet.

In der heutigen deutschen Politik werde die in der Verfassung verankerte Trennung von Kirche und Staat oftmals als nicht ausreichend angesehen. Manche Gruppierungen – Schad nannte die Grünen und die Linke – wollten nicht allein das bestehende Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften auflösen, sondern Religion generell komplett privatisieren.

Doch ein Staat müsse Religion respektieren, ohne sich mit ihr zu identifizieren, und er müsse den Glauben achten, ohne über ihn zu verfügen. Sinnvoll und richtig sei nur ein Miteinander ohne gegenseitige Abhängigkeit, so der ehemalige Kirchenpräsident. An einer offenen und übergreifenden Neutralität gegenüber allen Glaubensbekenntnissen komme man aber nicht vorbei, sagte Christian Schad in Bensheim. Die Freiheit zur Religion sei immer positiv besetzt und definiere sich nicht in einer Abgrenzung.

Schutz vor Fundamentalismus

„Die Kirchen setzen sich entsprechend dafür ein, dass die Religionsfreiheit, auf die sie sich berufen, auch Anderen zugute kommt. Dabei ist die Stellung des Islams als zweitgrößter Religion in unserem Land in besonderer Weise zu berücksichtigen“, so Schad weiter. Die Präsenz von Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und Theologischen Fakultäten sei ein Stück des europäischen Bildungskanons. Interreligiöse Kenntnisse förderten die Verständigungsbereitschaft, machten kompetenter und „schützen vor plattem Fundamentalismus“.

Damit kam Schad wieder zum Selbstverständnis des Konfessionskundlichen Instituts zurück: angesichts der religiös-weltanschaulichen Vielfalt könne jener umso souveräner damit umgehen, wer gelernt hat, sich selbst zu positionieren und ein in Religions- und Weltanschauungsfragen reflektiertes, konstruktiv-kritisches Verhältnis zur eigenen Tradition an den Tag zu legen.

Mit freundlicher Unterstützung des Bergsträßer Anzeigers und seinem freien Autor Thomas Tritsch

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