Heil und Heilung: Wenn Krankheit ins Leben tritt, ist die Sehnsucht nach Heilung groß. Für viele Betroffene werden dann auch geistliche Wege wichtig. Eine Tagung am Wochenende in der Dresdner Dreikönigskirche fragte, was Glaube für die Gesundheit bewirken kann.

Michael Leonhardi, Krankenhausseelsorger im Uniklinikum Dresden, bei der Tagung des Ev. Bundes
zum Thema »Glaube und Gesundheit«. Foto: T. Gärtner

Nie weiß Klinikseelsorger Michael Leonhardi, was ihn erwartet, wenn er in ein Krankenzimmer gerufen wird. Einmal liegt eine junge Frau auf der Station des Dresdner Uniklinikums wie tot im Bett. Fünf Mal hat er zuvor mit ihr gesprochen. Zuletzt hat sie ihn lauthals begrüßt: »Mein Retter kommt!« Pfarrer Leonhardi, seit zwölf Jahren hier Krankenhausseelsorger, wäre etwas weniger Euphorie lieber. Nun aber: keinerlei Reaktion. Die Stationsschwester winkt ab. Er versucht es dennoch. Sie höre so gern Lobpreislieder, hatte die Frau ihm erzählt. Leonhardi stimmt »Großer Gott, wir loben dich« an. Nichts. »Christ ist erstanden«. Bei der zweiten Strophe geht ihre Hand hoch, fällt wieder auf die Bettdecke. Die Schwester ist verdutzt: »Den ganzen Tag hat sie sich nicht bewegt.« Später, als die Frau erwacht, kann sie sich an nichts erinnern.

Am Bett eines sterbenden Diakons singt Michael Leonhardi eine Stunde lang alle Adventslieder, dieer kennt, bis er heiser ist. Dann kommt der Sohn des Mannes. Am nächsten Tag teilt die Schwester mit, der Diakon sei friedlich eingeschlafen. Und fügt zum Erstaunen des Seelsorgers hinzu: »Da liegt noch jemand, Verwandte sind noch nicht da. Vielleicht tut es ihm gut, wenn Sie mal hingehen.«

Michael Leonhardi kann Dutzende solcher Begebenheiten aus seinem Seelsorgeralltag berichten. Etwa von der Frau, die nach einer Hirnoperation nicht sprechen konnte. »Wollen Sie, dass ich bleibe? Dann schließen und öffnen Sie zwei Mal die Augen.« Das tat sie. Er nahm ihre Hand. »Sie sollen wissen, dass Sie auch bei Gott in guten Händen sind.« Nach einer weiteren OP konnte sie ihre linke Hand nicht bewegen. »Die braucht jetzt ganz besonders viel Liebe«, sagte er ihr. »Mehr als die gesunde.«

Aber er erzählt auch von dieser schwer drogenabhängigen Mutter auf der Gynäkologie, die ihr Neugeborenes verlor und wirr redete wie ein Kind. »Was mache ich, wenn ich nichts wahrnehme, woran ich anknüpfen kann?« Solche Geschichten, vermutet er, kämen auf dieser Studientagung des Evangelischen Bundes am Wochenende in Dresden zum Thema »Glaube und Gesundheit« kaum vor. »Meinem Gott gehört die Welt«, habe er damals gesungen, gebetet und die Frau gesegnet. »Ich habe stellvertretend gehandelt. Einfach, weil ich nichts anderes hatte.«

Michael Leonhardi ist skeptisch geworden gegenüber klangvollen Begriffen. »Gelungenes Leben« zum Beispiel. »Kann mir jemand sagen, was das ist? Seit ich im Krankenhaus arbeite, bin ich mir nicht mehr so sicher.« Einen Moment wird es sehr still im Tagungssaal der Dreikönigskirche. Die Heilungserzählungen in den Evangelien zeigten Jesus beim »Gottesdienst auf der Straße«, hatte die Professorin für Neues Testament Annette Weissenrieder (Halle) zuvor dargelegt. »Das ist eine Neudefinition: Gottesnähe ist nicht mehr mit dem Kult verbunden.« »Mit Glauben geht hier gar nichts«, rutscht Prof. Ingrid Mühlhauser vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin am Ende ihres Vortrags heraus, und sie muss selber lachen, als sie sich bewusst wird, dass zwar auch etwa zehn Ärzte vor ihr sitzen, die meisten der mehr als 80 Tagungsteilnehmer aber Theologen sind. Dennoch: Bei wissenschaftlichen Studien – besonders zu Corona – müsse es allein um wahrheitsgemäß über die Medien kommunizierte Fakten gehen, mahnt sie. »Der Großteil der Bevölkerung durchschaut das nicht.«

Wie leicht man auf Abwege gerate, wenn man seinen Glauben an Verschwörungen hänge, legt Matthias Pöhlmann dar, Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter der bayerischen Landeskirche. Er warnt vor einer Spiritualisierung von Krankheit, verbunden mit dem Irrglauben, Krankheit restlos erklären zu können, samt einer kultischen Verehrung von Gesundheit. Sollten Pfarrer Gebete für die Heilung von Kranken anbieten, komme es darauf an, sich klar am Evangelium zu orientieren, betont Theologieprofessor Peter Zimmerling (Leipzig). »Auf keinen Fall darf die erbetene Heilung mit dem Heil identifiziert werden, da sonst die Heilsgewissheit des Kranken in Frage gestellt wird.« Die Meinung, es sei Gottes Wille, Heilung auf jeden Fall herbeizuführen, widerspreche dem Wesen seines Offenbarungshandelns. Die Segnung solle Kranke ihrer Gemeinschaft mit Gott und Gemeinde vergewissern. Sie sei kein Ersatz für medizinische Behandlung, sondern deren Ergänzung.

Dass Religiosität und Spiritualität bei vielen zum Mensch-Sein gehöre, hat sich mittlerweile bis zu manchen Ärzten herumgesprochen. Dr. Ulrike Anderssen-Reuster, Chefärztin der Dresdner Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie beispielsweise wünscht sich mehr Kontakte mit Seelsorgern. Allerdings müsse Heilung in einer Therapie rational verständlich und wissenschaftlich kontrollierbar sein, betont sie. Auch existenzielle Themen drängten verstärkt in die Psychotherapie hinein, berichtet sie. In Therapiegruppen ergäben sich daraus mitunter Rituale. »Wir brauchen Theologen, die uns zeigen, wie man solche Rituale praktiziert.

Der Artikel von Dr. Tomas Gärtner ist erschienen in “Der Sonntag, Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Nr. 42, 16. Oktober 2022, S. 3”.
Wir danken für die Zustimmung der weiteren Verwendung im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit.

TN

 

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