Der Heilige Geist und 50 Jahre Vielfalt:Kirchen:Gemeinschaft
Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Ulm zum Jubiläum der Leuenberger Konkordie

In dem biblischen Bericht vom Pfingstfest (Apg. 2) ist es der Heilige Geist, der bewirkt, dass Menschen aus verschiedensten Ländern plötzlich einander verstehen. Derselbe Heilige Geist war es, der 1973 auf dem Leuenberg bei Basel es ermöglichte, dass Menschen aus lutherischen und reformierten Kirchen einander verstehen konnten. Er ließ sie Formulierungen finden, welche die jahrhundertelange Spaltung dieser beiden christlichen Konfessionen überwinden konnten. Diese Überzeugung äußerte der Präsident des Evangelischen Bundes, Dr. h.c. Christian Schad, beim Eröffnungsgottesdienst der 113. Generalversammlung des Evangelischen Bundes am 5.10.2023 in Ulm. In diesem Gottesdienst wurde auch Dr. Kai Funkschmidt in sein Amt als neuer Referent für Anglikanismus und Weltökumene am Konfessionskundlichen Institut eingeführt und – wie das bei solchen Anlässen üblich ist – auch für seinen Dienst die Hilfe des Heiligen Geistes erbeten.

Leuenberg in 5 Minuten
Der Begriff „Leuenberg“ steht eigentlich für einen Ort. Dort steht ein Seminarhotel in schöner Landschaft. Zum Begriff der Kirchengeschichte wurde er durch die dort gelungene Formulierung der „Leuenberger Konkordie“. Auf der Basis der Beschreibung des gemeinsamen Verständnisses des Evangeliums und der Sakramente liegt die Grundlage dafür, dass Kirchengemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten erklärt werden konnte. Diese Form der Versöhnung machte Schule. Dem Modell für eine Kirchengemeinschaft aus bleibend bekenntnisverschiedenen Kirchen haben sich inzwischen weitere Kirchen angeschlossen. Gemeinsam bilden sie nun die „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE). Diese Essentials wurden anschaulich und unterhaltsam den ca. 80 Teilnehmenden der Generalversammlung in einem selbst produzierten kurzen Stop-Motion-Video mit Playmbobil-Figuren dargestellt, bevor die theologischen Vorträge tiefer in die Materie einstiegen.

Der Geist bei den getrennten Geschwistern
Die Leuenberger Konkordie wird auf evangelischer Seite gern als universelles Ökumenemodell gehandelt, ermöglicht es doch Gemeinschaft, ohne eigene Prägungen aufgeben zu müssen. Dieser Sichtweise wurde von Bischof Dr. Bertram Meier (Augsburg) deutlich widersprochen. Der Verzicht auf eine einheitliche Ordnungsgestalt sei aus römisch-katholischer Sicht ungenügend. Es erscheint als pluralistisches Konzept, das die Frage nach der sichtbaren Einheit der Kirche nicht mehr stelle – so zitierte er Kardinal Koch. Demgegenüber bezeichnet er die sakramentale Gemeinschaft als katholisches Modell von Kirchengemeinschaft. Dabei ist die Kirche in Christus gleichsam Sakrament, weil in ihr Christus aufleuchtet. Das Vat. II. wollte eine Brücke zu den getrennten Gemeinschaften bauen, ohne die bisherige Ekklesiologie zu verlassen. So konstatieren die Deklarationen Lumen Gentium (LG 8) und Unitatis Redintegration (UR), dass „Elemente und Güter des Heils“ auch in anderen Gemeinschaften vorhanden sind. Mehr noch: Auch wahre Sakramente gibt es außerhalb der (röm.-kath.) Kirche. Bischof Meier betonte die „ökumenische Gradualität“ der Gemeinschafts- und Verwandtschaftsverhältnisse. Kirchengemeinschaft verwirkliche sich demnach auf der Grundlage der von Christus gestifteten Gestalt von Kirche in Taufe, Eucharistie und Amt. Der Weg zu mehr Gemeinschaft in diesen Dingen „ist weit, wenn auch nicht unmöglich – packen wir es gemeinsam an!“

Response: Mehr Geist wagen
Prof. Dr. Jonathan Reinert von der methodistischen Hochschule in Reutlingen beobachtete in diesen Ausführungen eine ökumenische Sicht, die andere lediglich als defizitäre Varianten der eigenen Kirche sehen („Wieviel haben Andere von dem, was wir ohnehin haben?“). Demgegenüber regte er an, die Verortung der Kirche in der Pneumatologie (Die Kirche als Werk des Heiligen Geistes) ernst zu nehmen. Dies könne nicht folgenlos bleiben. Der Geist und seine Wirkung können nicht auf Kirchendefinitionen festgelegt werden. Umgekehrt gehe es darum, nach den Wirkungen des Heiligen Geistes zu suchen, um zu sehen, wo dort Kirche sein kann.

Vielfalt erleiden
Prof. Dr. Ulrich Körtner, der wegen Bahnproblemen digital zugeschaltet war, verwies darauf, dass Diversität kein Wert an sich sei, sondern auch Sprengkraft entfaltet. Kirchliche Spaltungen sind auch Folgen von Entscheidungen. Immer wo Menschen Gemeinschaft suchen, ist die Erfahrung von Diversität auch eine Quelle von Leiden. Dennoch gehe es nicht darum, alle Unterschiede zu beseitigen, sondern (wo möglich) ihren Charakter so zu verändern, dass sie nicht trennen. Bei antagonistischen Grundpositionen führt die Methode aber an Grenzen. Insofern mahnte Prof. Körtner auch zu Nüchternheit. Fortschritte seien nur von einer Ökumene des gegenseitigen Respekts zu erwarten. Basis ist die vorauslaufende Gnade Christi, der für die Sünder, nicht für die Gerechten gestorben ist.

Hohes und Tiefes
Das Rahmenprogramm der Veranstaltung bot diverse Kleinode – von der Turmführung über die Dächer des Ulmer Münsters bis zum swingenden Bass und klingenden Bläsern der Big Band des Seminars von Blaubeuren, von leckeren Maultaschen und Spätzle bis zum interaktiven Quiz, das sich zum harten Wettkampf der schwäbischen Experten entwickelte. Dazu jede Menge Informationen, Begegnungen und tiefgründige Gespräche – mit den Referent:innen des Konfessionskundlichen Institut, mit Mario Fischer, dem Generalsekretär der GEKE, mit internationalen Gästen bei den Workshops und den alten Freundinnen und Freunden aus anderen Landesverbänden. Krönenden Abschluss bildete nach einer Podiumsdiskussion mit Ausblicken in die europäische Dimension der Festgottesdienst mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl im Ulmer Münster zu 50 Jahre Leuenberger Konkordie. Insgesamt hat der Württemberger Landesverband eine sehr gelungene Geburtstagsfeier für die Leuenberger Konkordie ausgestaltet.

HL/TN