Selten hat es ein*e Theolog*in geschafft, auf dem Titelblatt eines Nachrichtenmagazins wie dem „Spiegel“ oder gar der amerikanischen „Times“ verewigt zu werden. Dem Schweizer Denker Karl Barth (1886-1968) war das vergönnt. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten evangelischen Theologen des 21. Jahrhunderts. In diesem Jahr wird er besonders gefeiert. Denn: Vor 100 Jahren nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg, als andere Gott selbst auf den Schlachtfeldern endgültig mitgestorben sahen, stellt er seine zentrale Frage: „Wie kann man von Gott reden?“ Grund genug für die EKHN-Kirchensynode und Kirchenleitung in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bund Hessen zu einer Tagung genau zu diesem Thema am 17. August einzuladen: „Von Gott sprechen – gerade heute. Wie geht das?“

Keine politische Neutralität

„Wäre Karl Barth anwesend, wäre er gewiss verwundert über die Beteiligung des Evangelischen Bundes an dieser Veranstaltung“, bemerke Matthias Ullrich gleich bei seiner Begrüßung. Schließlich habe dieser evangelische Verein, dem Ullrich heute vorsteht, 1934 für Zurückhaltung in politischen Fragen votiert. Barth habe dies ganz anders gesehen. „Und Barth hatte Recht! Es gibt keine politische Neutralität für Menschen, die dem Evangelium folgen.“

Kirche muss politisch sein

Die Frage nach Gott wieder neu zu stellen, hält Ulrich Oelschläger „auf alle Fälle für nötig“. Der Präses der Kirchensynode wies auch auf das politische Engagement des Schweizers hin, der sich mit seinen Schriften klar gegen den Nationalsozialismus positionierte und maßgeblich an der Barmer Theologischen Erklärung mitwirkte, die für die Theologie der Bekennenden Kirche prägend war. Oelschläger erinnerte daran, dass Barth nach dem 2. Weltkrieg wesentlich dafür einsetzte, dass die evangelische Kirche ihre Versäumnisse und ihre Schuld während der Naziherrschaft bekannte.

Seelsorgerliche Einfühlsamkeit

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hob neben der theologischen Tiefe Barths auch die seelsorgliche Einfühlsamkeit hervor. So habe er etwa in Gefängnissen gepredigt. Doch auch bei den Reden dort habe sich ein wichtiger Grundgedanke Barths heraus kristallisiert. Er habe „Gott als Erbarmer“ verstanden. Diese Einsicht habe er zugleich auf Christus gegründet. Christus im Zentrum:  Das bleibe die zentrale Botschaft des Theologen. Gleichzeitig sei es nötig, von Gott zu reden. Dies sei nach Barth die zentrale Aufgabe der Theologie.

Zeitgemäß von Gott reden

„Bis heute ist Barths Frage, wie man von Gott reden kann, aktuell.“ Davon zeigte sich Moderator Steffen Bauer überzeugt. Medien kritisierten oft eine „Politisierung moderner Predigten“ oder die „Insidersprache der Kirche“. Ob jedoch kleine sprachliche Korrekturen helfen können, um zeitgemäß von Gott zu reden, stelle der Leiter der EKHN Ehrenamtsakademie infrage. Überhaupt müsse man fragen, ob der epochale Theologe nach hundert Jahren wirklich weiter helfen kann.

Sich auf Gott einlassen

„Wir müssen uns mit Ernst auf Gott einlassen“, forderte die evangelische Pfarrerin Juliane Schüz. Anhand von Zitaten zeigte die Barth-Kennerin die denkerische Breite Barths auf. Gleichzeitig bleibe Gott bei allem Nachdenken eines – nämlich „Der ganz andere“. Dieser kleine Satz gilt als eines der berühmtesten Zitate Barths. Gott sei unverfügbar und widerständig. Aber auch wenn Gott „der ganz andere“ sei, müsse die Kirche mit dem, was sie sagt und wie sie es sagt, mitten im Leben stehen. Karl Barth meinte, zwei Dinge gehören auf den Küchentisch: Bibel und Zeitung.

Die Widerständigkeit Gottes erklärte die junge Theologin mit lebensnahen Situationen. So habe der Mensch den Drang, sich mit Gleichgesinnten zusammen zu finden. Die Sozialen Netzwerke würden mit ihren Algorithmen dieses Verlangen noch verstärken. Es käme aber gerade darauf an, auch andere Menschen zu treffen, die bei einem selbst das Gefühl von Widerständigkeit auslösen, und ihre Ansichten kennen zu lernen. Ebenso verhalte es sich mit Gott: Er steht dem eigenen Denken entgegen, lädt zur immer wieder neuen Auseinandersetzung und Stellungnahme ein.

Positioniert und selbstkritisch

In Kleingruppen und Diskussionsrunden gingen die gut 50 Teilnehmenden den vielen schwierigen Fragen auf den Grund. Sie fragten: „Ja, wie nun?“ „Und was heißt das alles für heute und die Rede von Gott?“ So kreisten die Diskussionen mit Heike Springhart über das Verhältnis von Kirche und Politik. Die Anwesenden sprachen außerdem mit Michael Pfenninger darüber, wie Christen in einer immer säkulareren Gesellschaft über Gott reden können. Und sie diskutierten mit Ksenija Auksutat darüber, wie über diesen ganz anderen Gott in Predigten gesprochen werden kann.

Für viele war am Ende klar, dass die Kirche sich in gesellschaftlichen Herausforderungen positionieren muss, jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinder. Wen man von Gott reden will, geht das nur im ständigen Ringen verschiedener Positionen. Und wenn wir uns dabei an Karl Barth orientieren, müssen wir unsere eigene Position immer wieder hinterfragen.

 

Text: Volker Rahn/Hans Genthe/Elisabeth Engler-Starck