Die Herrnhuter Brüdergemeine, deren Stern inzwischen jedes dritte Haus im Osten Deutschlands schmückt, hat die Lostrommel gerührt und herausgekommen ist dieses Wort ganz am Ende des biblischen Kanons. Das ist nicht ohne Ironie, denn inzwischen scheint vielen Menschen im deutschsprachigen Raum der Glaube an eine umfassende Neuschöpfung der Welt abhanden zu kommen. Das Erstarken der Autokratien weltweit, die Diskursverschiebung rechts der Mitte, das Nachlassen der Bindekräfte verfasster Religiösität, der andauernde Schrecken in der Ukraine, das Desaster im Gaza-Streifen, der Hunger im Sudan: All das weicht das Vertrauen auf eine umfassende Neuordnung der Welt auf.
Der Verweis darauf, dass es ja hier in der Offenbarung des Johannes „nur“ um das himmlische Jerusalem geht, also eine gleichsam transzendente Neuschöpfung, hat nur kurz Bestand. Denn in der Relektüre der biblischen Schriften wird schnell deutlich, dass die Gottesrede auf der vorletzten Seite des biblischen Kanons ihrerseits tiefe Bezüge schon bei Paulus und beim 2. Propheten Jesaja hat.
Die umfassende Neuschöpfung der Welt nämlich knospt schon heute mit Macht auf:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5, 17)
Der Mensch, der Christus im Herzen trägt i s t also schon Teil der neuen Schöpfung. Hier, heute, präsentisch. Das Gottesreich, von dem die Offenbarung gleichsam futurisch spricht, bahnt sich schon heute unwiderstehlich seinen Weg.
Darin schließt Paulus – der bestens gebildete Mensch jüdischer Herkunft – seinerseits an den Exilspropheten Jesaja an, der im 6. Jahrhundert vor Christus schon formulieren konnte:
„Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es schon auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43, 19)
Woran erkennt man nun diese beginnende kraftvolle Neuschöpfung Gottes?
Auch darauf hat Paulus eine klare Antwort: Weil Gott sich in Christus mit uns versöhnt hat sollen wir nun Botschafter der Versöhnung unter uns und in der Welt sein. Wir sollen uns versöhnen und dafür Sorge tragen, dass sich andere Menschen, Gesellschaften, Staaten miteinander versöhnen. Es gibt also für dieses Neue Gottes eine ganz klare Prüffrage: Dient Dein Handeln der Versöhnung?
Wenn das das Kriterium ist, gibt es für Christenmenschen und ihre Kirchen einiges plausibles zu tun: Wie können wir dazu beitragen, dass sich unsere Gesellschaft nicht vollends polarisiert wie etwa in den USA, sondern eine starke Mitte behält? Die Kampagne #VerständigungsOrte von EKD und Diakonie kann da richtungsweisend sein.
Worin kann der christliche Beitrag zu einem gelingenden Friedensprozess in der Ukraine bestehen? Da ist ein Konfessionskundliches Institut mit all seinen Beziehungen zu den Konfessionen weltweit gefragt.
Wie kann ein plausibles Versöhnungshandeln in der völlig verfahrenen Lage rund um Israel und Gaza aussehen? Welche einsichtigen Positionen nehmen da die Kirchen ein?
Mag sein, dass das umfassend Neue, was uns die Jahreslosung verheißt, dann erst zaghaft, zart, vorsichtig sichtbar und erlebbar wird. Aber ein Anfang wäre doch gemacht, wenn in 2026 die Bindekräfte der Gesellschaft wieder stabilisiert werden, der Friedensprozess etwa in der Ukraine und im Nahen Osten an Fahrt gewinnt und der Hunger im Sudan an sein Ende kommt.
„Siehe, ich mache alles neu!“
SR/TN
