Martin Bräuer bei der Auerbacher Winterakademie 2021. Foto: Zelinger

Hunderttausende christliche Pilger aus aller Welt besuchen alljährlich das Heilige Land. Doch der Bevölkerungsanteil der in Israel lebenden Christen sinkt beständig. Gleichzeitig identifizieren sich viele von ihnen zunehmend mit dem jüdischen Staat.

Im gesamten Nahen Osten, wo das Christentum tief verwurzelt ist, waren Anfang des letzten Jahrhunderts noch etwa ein Drittel der Bewohner Christen. Aufgrund von Kriegen, Verfolgung und Konflikten im Irak und in Syrien ist der Anteil heute verschwindend gering. Ende 2019 lebten 177 000 Christen in Israel, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von rund zwei Prozent. Zehn christliche Konfessionen sind von der israelischen Regierung offiziell anerkannt. Sie alle genießen Religionsfreiheit.

Ihre Zukunft ist ungewiss

Dennoch ist ihre Zukunft im Land mehr als ungewiss, so Pfarrer Martin Bräuer bei der zweiten Veranstaltung der Auerbacher Winterakademie. Im Namen des Evangelischen Bunds begrüßten Karl Michael Engelbrecht und Walter Fleischmann-Bisten die Zuhörer im gut besuchten Gemeindezentrum.

Der evangelische Theologe Bräuer ist Mitglied des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim und hat unter anderem auch in Jerusalem studiert. Am Mittwochabend erläuterte er die bunte religiöse und konfessionelle Landschaft in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten Gaza und Westjordanland. „Israel definiert sich seit seiner Unabhängigkeitserklärung als ein jüdischer und demokratischer Staat“, führte der Pfarrer in Auerbach in das Thema ein.

Eine Trennung von Staat und Religion in einem französischen oder amerikanischen Sinne existiert nicht. Die Definition als Nationalstaat wird stark von religiösen Aspekten beeinflusst. Wichtige Lebensbereiche wie Heirat, Scheidung oder Friedhöfe sind von religiösen Institutionen verwaltet. Eine Staatskirche oder offizielle Religion gibt es nicht, doch das Judentum genießt im rechtlichen und symbolischen Kontext eine Dominanz gegenüber anderen Religionen wie Islam und Christentum, so Martin Bräuer. Die Bevorzugung der jüdischen Gemeinschaft als Nation und Religion ist außerdem ein zentraler Bestandteil des sogenannten Rückkehrgesetzes, nachdem „jeder Jude das Recht besitzt, nach Israel einzuwandern“.

Die arabisch sprechenden Christen in Israel gehören zum Großteil der griechisch-katholischen und lateinischen sowie der griechisch-orthodoxen Kirche an. Daneben leben viele weitere Konfessionen. Doch die Kommunikation zwischen diesen Gruppierungen funktioniere nicht immer reibungslos, so Bräuer. Grundsätzlich zeigt sich Israels Gesellschaft sehr divers: Aktuell setzt sie sich neben den kleinen christlichen Inseln aus etwa 75 Prozent Juden, 17 Prozent Muslimen, und 1,7 Prozent Drusen (schiitischer Islam) zusammen. Hinzu kommt die universale Religionsgemeinschaft der Bahai. In Haifa im Norden Israels leben Juden, Muslime, Christen, Drusen und Bahai ausgesprochen friedlich zusammen. Für die Anhänger des Bahai-Glaubens ist dieser Ort aber von ganz besonderer Bedeutung, denn hier liegen einige ihrer Heiligen Stätten.

Komplexe Gemengelage

Im Gazastreifen, wo seit 2007 die radikalislamische Hamas regiert, leben rund tausend Christen unter zwei Millionen Muslimen. Im Westjordanland sind es etwa 1,5 Prozent zwischen 85 Prozent Muslimen und 14 Prozent Juden. Ihre Präsenz dort – inklusive in Ost-Jerusalem – nimmt sukzessive ab.

Insbesondere die Kriege in den Jahren 1948 und 1967 und deren Folgen hätten diese Tendenzen forciert, so Bräuer, der nicht nur die Anfeindungen der muslimischen Araber als eine der Ursachen für die Abwanderung der Christen sieht: Auch die westliche Ausrichtung der christlichen Araber trage zu einer Art Exodus der Religion in Israel bei. Die komplexe Gemengelage aus unterschiedlichen Religionen mit einer gemeinsamen Geschichte mache die Region zu einem Mosaik an Glaubensrichtungen und Konfessionen. „Und die Christen sitzen zwischen allen Stühlen.“ Dies offenbare sich in den Migrationstendenzen, aber auch in deren zunehmenden Rückzug aus dem öffentlichen Raum. Viele Experten erkennen keine massenhafte Auswanderung, vielmehr ein stetes Ausbluten der christlichen Präsenz im Heiligen Land.

Um Assimilierung bemüht

Zwar wachse die Zahl der Christen durch den Zuzug von meist katholischen Arbeitsmigranten insbesondere aus dem asiatischen Raum – doch haben diese mit den arabischen Christen im Land wenig gemein, so der Theologe. Dies führe zu einer erheblichen Dynamik innerhalb der christlichen Konfessionen. Die „neuen“, als hebräisch bezeichneten Christen etwa bemühen sich um eine Assimilierung und leben fragmentiert in jüdischen Nachbarschaften. Sie unterscheiden sich von den arabisch sprechenden autochthonen Christen allein dadurch, weil ihnen ein identifikationsstiftender Bezug fehle, so Bräuer.

Die derzeitigen Lebensbedingungen der Christen in Israel bezeichnete der ehemalige Leiter des Catholica-Referats am Konfessionskundlichen Institut als erschwert. So sei es für sie schwieriger, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Hinzu kommen politische Herausforderungen, die den Alltag der Minderheit belasten. Für palästinensische Christen aus Bethlehem ist es beispielsweise kaum möglich, die Grabeskirche in Jerusalem besuchen, weil dafür eine Genehmigung erforderlich sei.

Im Zentrum Jerusalem wird der Anteil der Christen durch die jüdische Besiedlung immer kleiner. Aktuell geht man dort von maximal 12 000 Christen aus. Bei der Gründung des Staats Israel stellten sie noch einen Anteil von etwa 25 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Ob die Christen im Nahen Osten, an der Wiege des Christentums, eine Zukunft haben werden, sei schwer vorauszusagen, so Martin Bräuer. Dennoch zeigte er sich in Auerbach zuversichtlich, dass in bestimmten Gebieten Christen immer da sein werden, weil sie über ihre religiöse Identität mit diesen Regionen tief verbunden sind.

Die Auerbacher Winterakademie ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des Evangelischen Bundes Hessen und der Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirchengemeinde Bensheim-Auerbach. In diesem Jahr geht es um die religiösen Landschaften im Nahen Osten. Die letzte Veranstaltung der Reihe findet am 27. Oktober statt. Es referieren der Bensheimer Arzt Sami Dirani, griechisch-orthodoxer Christ aus Damaskus, und der ehemalige Vorsitzenden des Evangelischen Bundes Hessen, Pfarrer i.R. Peter Voß. Thema ist die religiöse Vielfalt in Syrien, Libanon und Jordanien. Beginn ist um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Mit freundlicher Unterstützung des Bergsträßer Anzeigers und seinem freien Autor Thomas Tritsch

 

 

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